Dok. 06-111
Hermann Samter schildert Lisa Stadermann am 11. Mai 1942 die Gerüchte über das Schicksal der Deportierten und die Folgen des Verbots, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen

Also wie Sie sehen, sind wir noch hier, trotz Lisas

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Dr.Hermann Samter (1909–1943), Journalist, Volkswirt; 1939–1942 für die Zeitung Jüdisches Nachrichtenblatt, dann bei der Reichsvereinigung tätig; am 12.3.1943 zusammen mit seiner Frau Lili Samter, geb. Landsberger (1919–1943), nach Auschwitz deportiert und ermordet.

 

Karolina Stadermann, geb. Heimann (*1865), war die ehemalige Haushälterin von Hermann Samters Eltern.

 


Lisa Godehardt, geb. Stadermann (1902–1980), Tochter von Karolina Stadermann. Die beiden Frauen wohnten während des Kriegs im thüring. Dorf Breitenholz und unterstützten Hermann Samter mit Lebensmittelpaketen.

 

Brief von Hermann Samter, Berlin, an Karolina Stadermann und Lisa Godehardt

 

Liebe Frau Stadermann, liebe Lisa,

 

also wie Sie sehen, sind wir noch hier, trotz Lisas dunklen Ahnungen. Wie lange noch, ist natürlich eine andere Frage. Seit Ende Januar sind von Berlin zwei Transporte abgegangen, einer Ende März, der andere am Karfreitag. Damit sind aus Berlin 12.000 Leute fortgekommen.

Es sind noch übrig: 43.000 Leute mit Stern, 13.000 ohne Stern, im Altreich außerhalb Berlins wohnen noch etwa die gleiche Anzahl.

Das Schicksal der Einzelnen ist offenbar ganz verschieden: Von Minsk, Kowno, Riga hört man nicht. Allgemein wird geglaubt, daß die Behandlung in Riga anständig sein soll. Aus Litzmannstadt kommen nur gedruckte Karten, worin Geldsendungen mit eigenhändiger Unterschrift bestätigt werden.

Warschau: Die Leute sind in der ehemaligen Bibliothek außerhalb des Ghettos untergebracht. Es scheint dort sauber und geordnet zuzugehen. Weit über 1000 Leute wohnen in einem Gebäude, je zwei liegen auf einer Holzpritsche. Die Trauringe wurden abgenommen. Die meisten haben ihr Gepäck mitbekommen. Seife und Seifenpulver fehlte überall.

Verpflegung: 125 Gramm Brot pro Tag, Kaffee, Gemüsesuppe, kein Fett, kein Fleisch, wer zur Arbeit vermittelt wird, bekommt etwas mehr. Ein Teil der Männer ist in Arbeitslager gekommen, von wo aus er an seine Angehörigen in Warschau nicht mehr schreiben kann. Geld- und Päckchensendungen sind möglich – man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen.

Berlin: Seit dem 1. Mai besteht ein Verbot für die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Erlaubnis haben nur:

1) Leute, die in Arbeit stehen und einen Weg von mehr als sieben Kilometer haben oder krank sind

2) Schulkinder, die einen Weg von fünf Kilometer haben oder krank sind

3) Ärzte, Krankenschwestern, Konsulenten.

Diese Leute dürfen aber nun nicht etwa private Besuche per Bahn machen. Ich bekam einen Dienstausweis für sämtliche Verkehrsmittel, da ich oft in die Druckerei muss. Natürlich muss ich bei Kontrollen jederzeit nachweisen können, daß es sich um eine dienstliche Fahrt handelt.

Die Folgen sind schlimm: Abgesehen davon, daß nun viele einen Weg von über einer Stunde von und zur Arbeit zu gehen haben, hört doch auch der private Verkehr weitgehend auf. Eltern können ihre Kinder oft nicht mehr besuchen, Ausflüge kommen schon gar nicht mehr in Frage, Krankenhausbesuche sind auch für die meisten nicht mehr möglich und wer soll noch zum Friedhof nach Weißensee laufen? Besonders das Verbot des Tiergartens verlängert die Wege oft ganz enorm. Natürlich führt das nur dazu, daß Leute ohne Stern herumlaufen, was zur Folge hat, daß sie mit dem nächsten Transport fort müssen, wenn sie geschnappt werden.

So, das genügt wohl für heute, und Sie werden begreifen, daß man eiserne Nerven haben muß, um das alles heil zu überstehen.

 

Herzliche Grüße