Dok. 06-116
Hedwig Bielschowsky blickt am 26. Mai 1942 in einem Brief an ihre Söhne auf die Schikanen der letzten fünf Jahre zurück, die sie und ihr Mann erlebt haben

Mein lieber Ludwig, lieber Wilhelm! Ich befürchte sehr

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Hedwig Bielschowsky, geb. Munter, (1873-1942); kaufmänn. Ausbildung; arbeitete im elterlichen Metall-, Porzellan-, Baumaterialien- und Kolonialwarenhandel nebst Gasthof in Schönlanke, Kreis Schneidemühl, dann Hausfrau; nahm sich nach dem Tod ihres Mannes und kurz vor ihrer geplanten Deportation nach Theresienstadt Ende Aug. 1942 das Leben.

 

Adolf Bielschowsky (1874-1942), Ingenieur; von 1898 an bei der Fa. Arthur Koppel A.G. (später Orenstein & Koppel), zunächst in Berlin, ab 1906 Leiter des Werks in Bochum, 1937 im Zuge der „Arisierung“ des Unternehmens, das in Maschinenbau & Bahnbedarf AG umbenannt wurde, entlassen; Umzug nach Wiesbaden; er starb an den Folgen der Polizeihaft.

 

Die Schwestern Minna Munter (1869 –1942) und Margarete Munter (1876 – 1943) wurden am 11.9.1942 nach Theresienstadt deportiert; beide starben dort.

Mein lieber Ludwig, lieber Wilhelm!

Ich befürchte sehr, wir werden uns nicht wiedersehen, so sollt Ihr doch hierdurch erfahren, wie es uns hier in den letzten Jahren ergangen ist. Es geht uns beiden gesundheitlich nicht gut, namentlich Vater ist schwer krank, doch davon später.

Wie wir nach hier kamen, ging es uns ganz gut, man konnte zufrieden sein. Wir hatten eine schöne Wohnung, konnten überall hingehen, wir waren gut zu Fuß und haben schöne Touren gemacht. Vater hatte hier ein Haus gekauft, es wohnten 8 Familien darin, wir hatten von demselben einen Überschuß von monatlich 180 M. Dann kam der 9. November [1938], und es wurde alles anders. […]

Von dieser Zeit an wurde es immer schlimmer, es gab fast kein Geschäft, kein Lokal mehr, an dem nicht stand für Juden verboten, weil wir aber so wenig bekannt waren, gingen wir doch überall hin. Das Haus mußten wir verkaufen […]; wir mußten noch 10 Tausend Mark herauszahlen.

Der Vertrag mit der Firma wegen der Pension lautete auf vorläufig 3 Jahre, als Vater dieses seinerzeit beanstandet hatte, wurde ihm gesagt, daß sie mit allen Herren immer nur auf 3 Jahre und dann weiter Vertrag machen. Einige Monate bevor der Vertrag abgelaufen war, […] wurde ihm mitgeteilt, daß man uns nur noch ein Jahr monatlich 300 M zahlen würde und dann überhaupt nichts mehr. Vater ging hier zum Anwalt mit allen Unterlagen, und dieser riet sehr zu einer Klage beim Arbeitsgericht, die Kosten wären nicht sehr hoch […]. Jetzt ist das Urteil gefällt worden, wir haben den Prozeß verloren, Juden haben keinen Anspruch an Pensionen. Vor einiger Zeit stand eine Notiz in der Zeitung, bevor ein Richter ein Urteil fällt, muß er sich immer selbst fragen, „wie würde in diesem Falle der Führer urteilen“, dieses ist bezeichnend, und so sind heute die Richter eingestellt. Nun haben wir schon seit 2 Jahren keine Pension, und die Prozeßkosten sind beinah noch 1000 M.

Ich weiß nicht, ob Ihr von den Evakuierungen schon etwas gehört habt. In vielen Städten bekommen die Juden Bescheid, daß sie sich in 2 Stunden an einer bestimmten Sammelstelle einzufinden haben, nur mit Handgepäck. All ihre Sachen, ihre Möbel u.s.w. wurden dann versteigert, und der Erlös fiel dem Reich zu […].

Wir sitzen wie auf einem Pulverfaß, wissen nicht, was morgen geschieht, immer wieder hört man, dort und dort sind wieder welche fortgekommen. Meine Schwestern, Eure Tanten in Berlin, hatten auch schon ihren Bescheid bekommen, sich für einen bestimmten Tag bereitzuhalten. Tante Minna, die 2 Monate vorher operiert worden war, war nicht transportfähig, so wurde es noch verschoben. Zwei Cousinen in Berlin, die schon über 70 Jahre alt sind, sind auch noch fortgekommen. Keiner weiß, wohin der Transport geht, aber größtenteils geht es nach Polen. Viele nehmen sich vorher das Leben.

[…] Man glaubte, im Kriege hätten sie was anderes zu tun, als Juden zu verschicken, aber es ist noch viel schlimmer geworden. Jetzt im Krieg sind wir mit allem ganz schlecht dran.

[…]

Doch nun will ich Euch schreiben, wieso es Vater so sehr schlecht geht. […] Am 28. November ging Vater in die Stadt, um für mich Besorgungen zu machen, er war immer pünktlich zu Hause, da wir schon um 12 Uhr zu Mittag aßen, diesen Morgen sagte er mir, es könnte etwas später werden, da er viel zu erledigen hätte. Es wurde 1 Uhr, 2 Uhr, 3 Uhr, ich war in schrecklicher Sorge, glaubte, es wäre dem Vater etwas passiert, da seine Augen, wohl auch eine Folge der schlechten Ernährung, sehr schlecht geworden waren. Um 3 Uhr hielt ich es dann nicht mehr zu Hause aus, ich ging zu unserem Anwalt, um mir Rat zu holen. Der Anwalt rief dann alle Krankenhäuser und Unfallstationen an, aber es war keine Einlieferung erfolgt. […] Als ich nach Hause kam, war es 5 Uhr und von Vater noch immer keine Spur. Ich ging nun zu unseren Mitbewohnern, Dr. Voglers, der Herr ist Oberarzt bei den Landesversicherungen, und sagte, mein Mann ist verschwunden […]. Dr. Vogler fuhr dann noch spät zum Polizeipräsidium und dort erfuhr er, daß Vater von der Gestapo verhaftet sei. […]

Am nächsten Tage ging ich […] zur Gestapo;[…]  ich sagte, ich wollte gern wissen, weshalb mein Mann verhaftet ist, man sagte mir, der betreffende Beamte, der den Fall behandelt, wäre jetzt nicht dort, ich müßte in einer Stunde wiederkommen.

Vorher sah er noch im Buch nach und sagte, Vater hätte 10 Tage Haft, weil er den Stern nicht getragen hat. Als ich wieder hinkam, war der andere Beamte dort u. sagte, Vater hätte 3 Wochen Haft. Ich erlaubte mir zu sagen, der andere Beamte hätte doch nur von 10 Tagen gesprochen, die es bisher auch immer nur für derartige Vergehen gegeben hätte, da wurde ich natürlich sehr angeblasen, es wäre ihre Sache, wie lange sie Vater in Haft behalten können. […]

Es waren nun schreckliche 3 Wochen für mich, Voglers, die ja Bescheid wußten, waren furchtbar nett. Fr. Vogler war jeden Abend bei mir oben und leistete mir Gesellschaft, ich habe ihr nun erzählt, was wir schon alles durchgemacht haben, sie hatten natürlich keine Ahnung davon. […]

Am 18. Dezember kam Vater wieder, seelisch und körperlich vollständig erledigt, hätte ich ihn auf der Straße getroffen, ich hätte ihn nicht erkannt, so verändert sah er aus.

Nun erzählte er mir, wie die Verhaftung vor sich gegangen war. Vater fand am 27. November im Briefkasten eine Mitteilung, er sollte am nächsten Vormittag, als Zeuge, zur Gestapo kommen, um mich nicht zu beunruhigen, hat er mir nichts davon gesagt. […] Bei der Gestapo wurde ihm gesagt, er wäre denunziert worden, er hätte den Stern nicht getragen, Vater sagte, er hätte den Stern immer getragen, es könnte höchstens sein, daß er im Hausmantel bis zum Briefkasten ohne Stern gegangen ist. Es war nun ein sehr langes Verhör, der Beamte sagte, ich sperre Sie für mehrere Monate ein und nehme sie gleich mit. Vaters vieles Bitten, ihm wenigsten zu gestatten, seiner Frau Nachricht zu geben, wurde nicht erlaubt. Vater hatte nun furchtbare 3 Wochen in der Haft verbracht […] es war zum Verzweifeln, und er weiß heute noch nicht, wie er das überstanden hat. […] Der Gestapo-Beamte […] erklärte ihm, wenn noch einmal etwas vorkommt, käme Vater ins Konzentrationslager, außerdem müßte Vater von jetzt an einen Tag in der Woche arbeiten. […] Vater bekam die Aufforderung, sich zum Schneeschippen bei der Stadt einzustellen. Nun mußte Vater jeden Tag, auch sonntags, arbeiten, er ging früh um. 7 Uhr von zu Hause fort, da es sehr weit bis zur Arbeitsstätte war, und kam des Abends um ½ 7 Uhr wieder nach Hause, dann bekam ich seine Kleider und Wäsche nicht herunter, so durchnäßt war alles. […]

3 Wochen lang hat der Vater das ausgehalten, dann ging es nicht mehr, er mußte sich in ärztliche Behandlung geben. Der Arzt, den wir hier, schon so lange wir hier sind, haben, der auch nicht weiß, daß wir Nichtarier sind, denn sonst dürfte er uns nicht behandeln, bekam einen Schreck wie [er] den Vater sah. Vater lag dann 4 Wochen an den Bronchien mit hohem Fieber, oft war er so schwach, daß ich glaubte, es ginge zu Ende mit ihm, ich hatte große Sorgen; der Arzt stellte dann eine […] bösartige Blutkrankheit fest, […] eine sehr ernste Sache, die eine Folge der Unterernährung ist. […] Hätten wir besser zu essen, würde sich Vater wohl erholen, er wiegt 96 Pfd. und besteht nur aus Haut und Knochen. […] Der Arzt meint, wenn Vaters Kur beendet ist, müßte er wohin, wo es noch gute Verpflegung gibt, aber das ist ganz ausgeschlossen, wir Juden dürfen nicht aus unserem Wohnort fort, müssen im Winter um 8 Uhr und im Sommer um 9 Uhr im Hause sein. […] Die letzte Verordnung, und die mich mit am schwersten trifft, ist, daß Juden ihre Haustiere, Hunde, Katzen und Vögel abgeben müssen. […] Ich hänge sehr an Bello, er ist meine einzige Freude, bevor ich ihn abgebe, würde ich ihn lieber vergiften. […] Ich bin recht froh, daß Ihr, liebe Jungen, nicht hier seid, Ihr würdet längst in Polen sein und wer weiß, ob überhaupt noch am Leben. Ich will nun meine Niederschrift an Lotte schicken, damit sie aus dem Hause ist, man weiß nicht, was noch alles vor sich geht. Hoffentlich halten wir durch, so daß wir Euch alles selbst erzählen können.

Herzlichste Grüße von Vater und

Eurer Mutter