Dok. 06-032
Cläre von Mettenheim schildert ihrer Tochter am 5. November 1941 die Verhaftung und Deportation der Frankfurter Juden

Der Brief von Dir war eine ganz große Freude

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Cläre (Clara) von Mettenheim, geb. Hirschhorn (1884–1980); stammte aus einer Tabakhändlerfamilie in Mannheim; Mitglied der Bekennenden Kirche; sie hatte aus erster Ehe vier, aus der zweiten mit dem Kinderarzt Prof. Dr. med. Heinrich von Mettenheim (1867–1944) zwei weitere Kinder; nach dem Tod ihres Mannes im Jan. 1944 stand sie nicht mehr unter dem Schutz der „privilegierten Mischehe“, überlebte versteckt auf einem Gut in Silmersdorf bei Sybille Dierke; kehrte 1945 nach Frankfurt zurück.

 

Dr. Hildegart Fischer (1910–1982), Ärztin; Tochter Cläre von Mettenheims aus erster Ehe; ging 1936 nach London, nach Aberkennung ihres Staatsexamens nach Schottland, um ihr Medizinstudium zu beenden, betrieb zunächst ein privates Laboratorium, wurde im Mai 1940 für 16 Monate auf der Isle of Man interniert und arbeitete nach ihrer Entlassung als Ärztin.

 

 

 

Der Brief von Dir war eine ganz große Freude. Und dass Du frei und in Glasgow und so überglücklich schreibst auch. Wenn wir auch die Tage der Verbindung über Paul für gezählt erachten – liebe Hildegart, man, also ich habe das Gefühl, man muss sich nur stillhalten.

Das Schlimmste fast war das ohnmächtig ansehen müssen, wie die Juden ausgetrieben wurden. Früh am Sonntag sahen wir schon die jungen SS-Männer in das Haus Staufenstraße, das so nahe vor uns liegt, gehen. Es war also Wirklichkeit geworden, was ein Gerücht uns zugetragen hatte. Nachdem von Haussuchung nach Lebensmitteln, von Evakuierung der jüdischen Männer gesprochen und gemunkelt worden war, der Vorstand der jüdischen Gemeinde nach Berlin telefoniert hatte, ob etwas zu befürchten sei und den Befehl bekommen hatte, alle Gerüchte zu dementieren – nachdem also eine Woche sich verstärkender Unsicherheit hinter uns war, erzählte beim Abendessen A.: Cora habe gefragt, was eigentlich aus Tante Me wird, weil doch morgen alle Juden in die Markthalle kommen? Quelle dieser Nachricht war die Direktorin, die an maßgebender Parteistelle wegen einer anderen Sache war und das gehört hatte.

Am Morgen dann kam alles viel schlimmer, als die Gerüchte wissen wollten. Wahllos wurden etwa 2.000 Juden (natürlich auch getaufte) vom kleinen Baby bis zur alten weißhaarigen Großmutter, von 1 – 80 Jahren, Frauen, Damen, Pack und die Blüte der Wissenschaft mitgenommen. Wohnungen waren ihnen ja vorher gekündigt worden, seit Monaten und Wochen suchten sie, wurden umhergejagt. Dann kam der Stern, der ja eigentlich das Mittelalter insofern übertrifft, als ihn ja getaufte Juden auch tragen müssen.

Also Stunden und Stunden standen die Familien da drüben. Jeder ein Pappdeckelschild umgehängt (wie ein Schandschild aus dem Mittelalter), das Gepäck in der Hand, den Rucksack auf dem Rücken.

Szenen, die sich nie vergessen lassen werden: eine feine, alte, schmale blasse Dame. Persianermantel. Ein großes Schild unter dem Kinn. Als sie es tiefer hängen wollte, riefen die Umstehenden: Der Stern! Der Stern!, den zu verdecken ja schwere Strafe kostet. Ein alter, schwacher Mann musste vor dem kraftstrotzenden SS-Mann Laufschritt üben, weil es ihm nicht schnell genug ging.

Den ganzen Tag über dauerte das Warten, Picken, Warten – bis sie dann alle gesammelt in den Keller der Markthalle kamen. Unterwegs und dort viele Todesfälle: vor Aufregung, Überanstrengung und natürlich ungezählte Selbstmorde jeder Art.

In der Markthalle dann: Ausziehen! Leibesvisitation. 100 Mark durften sie mitnehmen, davon mussten sie 90 Mark für die Reise abgeben. Morgens halb 4 Uhr ging ein Zug ab, der andere am Montag Vormittag.

Es ist eine solche zum Himmel schreiende Grausamkeit, eine Gemeinheit, ein Sumpf -  und wenn man bedenkt, daß draußen die Männer in Scharen ihr Leben für dies Vaterland opfern, in dem – ungeachtet der Zeit – diese Bestie Mensch sich austobt. - Hildegart – das können wir nie wieder gut machen.

Nun soll es aber weitergehen – die Hiergebliebenen (wie viele Verwandte und Bekannte) leben nun in Angst und Unsicherheit: wann steht der Häscher vor uns? Und wie viele sagen: haben wir noch Zeit, uns das Leben zu nehmen?