Dok. 06-025
Der Schweizer Konsul Franz-Rudolf von Weiss schildert dem Gesandten in Berlin am 28. Oktober 1941 die bedrückenden Verhältnisse der Kölner Juden kurz vor ihrem Abtransport

Herr Minister, Was die Verschickung der Juden nach dem Osten betrifft

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  • Grenze Staatsgrenzen von 1937

Franz-Rudolf von Weiss, auch François-Rodolphe de Weiss (1885-1960), Diplomat; 1914-1917 Mitarbeiter des Eidgenössischen Auswanderungsamts, 1917  Beauftragter für fremde Interessen in der Schweizer Gesandtschaft in Berlin, von 1920 an im Schweizer Konsulat in Köln, von 1937 an als Konsul, 1943-1950 Generalkonsul; erhielt 1955 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik.

 

Bericht

 

Herr Minister,

Was die Verschickung der Juden nach dem Osten betrifft, möchte ich nicht verfehlen, Ihnen noch folgendes zu berichten: Die Juden, welche für den Transport von letztem Mittwoch, den 22. Oktober aufgeboten worden waren, konnten nicht alle mitgenommen werden. Nur diejenigen bis zum Buchstaben S wurden nach Litzmannstadt abtransportiert. Die anderen wurden wieder nach Hause zurück geschickt mit dem Befehl, sich für den nächsten Transport bereit zu halten. Der Bahnhof von Köln-Deutz, von wo aus die Abfahrt stattfand, war in weitem Umkreise von der Gestapo abgesperrt worden. Hier spielten sich an diesem Morgen die traurigsten Szenen ab. Nur ein Bruchteil der abfahrenden Juden konnte ihr auf 50 kg begrenztes Gepäck mitnehmen, viele unter ihnen mussten ihre Habe zurücklassen. Vor der Abfahrt wurden die Züge noch von SS- und Gestapo-Leuten mit entsicherten Revolvern durchsucht. Zwei Frauen, die Veronal eingenommen hatten, starben, bevor die Züge wegfuhren. Wie ich von zuverlässiger Seite höre, haben sich in den Tagen, die diesem 22.Oktober vorangingen, 37 Juden das Leben genommen. So sollen u. a. in einem einzigen Hause sieben Selbstmorde stattgefunden haben. […]

Alle abfahrenden Juden mussten vor ihrer Abreise eine Erklärung unterschreiben, wonach sie zugaben, staatsfeindlich gesinnt zu sein, und womit sie auf ihr Gesamtvermögen verzichteten.

Vor der Machtübernahme durch die NSDAP lebten in Köln etwas über 16 500 Juden.

Heute befinden sich nur noch ca. 5000 Juden in dieser Stadt. […] Wie mir ein hoher städtischer Beamte soeben mitteilte, sind heute wiederum 500 Juden nach Litzmannstadt abtransportiert worden und weitere Transporte werden nachfolgen. Die Stadt Köln soll bis Ende dieses Jahres als judenfrei erklärt werden können. Dass den Juden vor ihrer Abreise unter Androhung schwerster Strafen verboten worden ist, irgendetwas aus ihrem Besitz, wie Möbel, Schmucksachen, usw., zu verkaufen, ist selbstverständlich.  [...]

Wie aus der zuletzt angeführten Verordnung ersichtlich ist, werden die Juden in Luxemburg noch fast strenger behandelt als diejenigen im übrigen Reiche. […]