Dok. 06-060
Berthold Rudner schreibt im November und Dezember 1941 in seinem Tagebuch über seine Deportation aus Berlin und die Ankunft in Minsk

Empfang durch zwei Beamte, von denen der Federführende anmaßend und frech sich zeigte

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Berthold Rudner (1885–1942), Automechaniker; 1920 Mitarbeiter der USPD-Parteizeitung „Freiheit“, später Inhaber einer Autowerkstatt; nach 1933 im sozialistischen Widerstand aktiv, 1940 des- wegen zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, unmittelbar nach der Haftentlassung im Nov. 1941 nach Minsk deportiert; dort als Automechaniker für den SD tätig; sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Handschriftliches Tagebuch.

 

12.11. um 19.45 Uhr.

Empfang durch zwei Beamte, von denen der Federführende anmaßend und frech sich zeigte. Nahm mir Reichsmark 11.35 ab, beließ mir eine Papiermark und zwang mich alles Gepäck zum Revier zu tragen. Zurückzulassene Stücke wollte er beschlagnahmen. Wie ein Packesel keuchte ich zum Revier mit ca. 100 kg. Dann befahl man mir, zu Fuß etc., jedenfalls alleine, zur Synagoge zu gehen. – Landete kurz vor 20 Uhr, betrat das Haus und bin seitdem gefangen!

 

12.11. (13.11.)

Zweimal im Gotteshaus übernächtigt, ebenso eng und unhygienisch.

 

14.11. um 2.30 Uhr.

Mit dem Polizeiwagen nach Grunewald gebracht. Stundenlang vor dem Zug gestanden, ohne einsteigen zu können. Alles fror. Kinder weinten. Endlich Verladung in uralte eiskalte Zuggarnitur. Gegen 19 Uhr Abfahrt bei Nacht und Nebel und Kälte. Alles bibberte. Ca. 1200 Menschen führte der überfüllte Zug nach dem Osten. Menschen waren bedrückt.

 

15. und 16.11.

Fahrt ohne Ende. Kein warmes Essen noch Getränke. Toilette eingefroren. Lief alles über. Abends heimliches Konzert mit Max Rosenthal.

 

16. und 17.11

Ohne Licht und Heizung im Wagen. Nächte kalt. Morgens in Warschau. Stundenlanges Stehen. Empfangen Brot und – kaltes Wasser.

 

18.11.

Morgens in Minsk. Erst nachmittags ausgeladen. Zug der Verfluchten und Erniedrigten zieht ins Getto nach 90stündiger Fahrt. Überfüllt und keine Quartiere. Übernachtung eng aneinander in drei Fluren. Kein Licht, kein Wasser, kein Essen!

Hungrig und verdreckt ruht sich eine müde Masse auf dem harten Boden, versucht zu schlafen, schnarcht und knirscht; Aufschreien von Kindern, Weinen und lautes Gerede erfüllt die Luft. Dazu Mitteilungen, die energisch vorgetragen werden: Merken Sie, das Wasser darf nicht getrunken werden, auch nicht zum Zähneputzen etc. weil es seuchenverdächtig ist.

Nur abgekochtes Wasser dürfe konsumiert werden. Wer stehle oder das Getto verläßt, wird – erschossen –. In sehr gedrückter Stimmung lagert sich die Masse Mensch und ergibt sich seinem harten Schicksal.

 

20.11.

Austreibung der russischen Juden.

 

22.11.

Wieder ein Begräbnis. Eine alte Frau. Entsetzlicher Zustand. Seit acht Tagen nicht aus Kleidern und Stiefeln. Kein Schlaf.

 

8.12.

Androhung von „Genickschüssen“, verprügelte Juden (Russen und auch Deutsche), röchelnde Kranke in vielen Nächten; such is life.

Ich habe jetzt meinen Schreibtisch in Wohnstätte und kann zur Not versteckt ein paar Zeilen schreiben.