Dok. 15-186
Eberhard von Thadden informiert am 26. Mai 1944 das Auswärtige Amt über seinen Aufenthalt in Budapest und über die geplanten Maßnahmen gegen Juden

Die Judenfrage in Ungarn wird, wie ich bei meinem kurzen Aufenthalt

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Dr. Eberhard von Thadden (1909–1964), Jurist und Diplomat; 1933 NSDAP- und SA-, 1936 SS- Eintritt; von 1937 an Mitarbeiter im AA, seit 1941 als Legationsrat, 1941/42 Soldat an der Ostfront, von April 1943 an Judenreferent im AA; 1945–1949 Haft, dann als kaufmännischer Angestellter tätig, später im Vorstand eines Stahlbauwerks.

 

Vitéz László Endre (1895–1946), Jurist; 1923–1937 Oberstuhlrichter von Gödöllő, 1938–1943 Vizegespan des Komitats Pest-Pilis-Solt-Kiskun; 1944 StS (Staatssekretär) für Verwaltung im Innenministerium, hauptverantwortlich für die Deportationen nach Auschwitz, in der Pfeilkreuzlerregierung Regierungskommissar für die Zivilverwaltung der Operationsgebiete; 1946 vom ungar. Volksgericht verurteilt und hingerichtet.

 

László Baky (1898–1946), Offizier; 1925–1938 in der Gendarmerie tätig; u. a. Mitglied der Ungarischen Nationalsozialistischen Partei – Hungaristische Bewegung und später der Partei der Ungarischen Erneuerung, von 1939 an Parlamentsabgeordneter; von März 1944 an StS (Staatssekretär) im Innenministerium, hauptverantwortlich für die Deportationen nach Auschwitz, nach der Machtübernahme der Pfeilkreuzler Leiter des Büros für Nationale Sicherheit; 1946 vom ungar. Volksgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Vitéz Andor Jaross (1896–1946), Politiker; von 1935 an Mitglied des tschechoslowak. Parlaments, 1938–1940 Minister ohne Geschäftsbereich, 1940 Mitbegründer der Partei der ungarischen Erneuerung; März bis Aug. 1944 Innenminister; vom ungar. Volksgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Schreiben (geheime Reichssache)

 

Die Judenfrage in Ungarn wird, wie ich bei meinem kurzen Aufenthalt in Budapest feststellen konnte, mit lebhafter Unterstützung der ungarischen Staatssekretäre Endre Laslo und Baky im Eiltempo einer Lösung entgegengeführt. Im Einzelnen ergibt sich folgendes:

Die ungarische Regierung hat der Verbringung aller nach ungarischem Gesetz als Juden anzusehenden ungarischen Staatsbürger in die Ostgebiete zugestimmt. Zurückbehalten werden sollen lediglich 80 000 Juden, die unter Bewachung durch die ungarische Armee zum Arbeitseinsatz in ungarischen Rüstungsbetrieben gelangen sollen.

Die Gesamtzahl der Juden in Ungarn wird unter Zugrundelegung der ungarischen Begriffsdefinition des Juden auf 900 000 bis 1 000 000 geschätzt. Davon befinden sich etwa 350 000 in Budapest.
Man hat zunächst mit einem umfangreichen antijüdischen Gesetzgebungswerk begonnen, um die Entjudung des politischen Lebens, der Wirtschaft usw. sicherzustellen. Diese Gesetzgebungsarbeit wird laufend weiter ausgebaut.

Gleichzeitig wurde im gesamten Lande mit Ausnahme der Stadt Budapest mit der Ghettoisierung der Juden begonnen. Im wesentlichen wurden diese Maßnahmen bereits zum Abschluß gebracht. Budapest selbst wurde durch einen Polizeikordon gesichert, so daß im Rahmen des Möglichen illegale Ausreisen von Juden unterbunden werden.

Sodann wurde an der Süd- und Südostgrenze ein 30 km breiter Streifen von Juden überhaupt geräumt und mit der Konzentrierung von Juden in großen Sammellagern in den Nordostprovinzen begonnen.
Diese Konzentrierungsmaßnahmen führten zur Erfassung von rund 320 000 Juden, von denen seit 15. Mai täglich 12–14000 ins Generalgouvernement zur Verladung gelangen. Bis zum 24. Mai mittags waren 116 000 Juden abtransportiert.

Der einsetzende Abtransport hat unter den Juden in den übrigen Gebietsteilen Ungarns, insbesondere in Budapest, erhebliche Erregung ausgelöst. Trotz der unmittelbar bevorstehenden Radikallösung ließ man daher, wie vorstehend erwähnt, die Gesetzgebungsmaschine auf vollen Touren laufen und ließ gleichzeitig durch den Judenrat in Budapest bekanntgeben, daß sich die Maßnahmen nur auf die Juden in den Ostgebieten erstreckten, die ihre jüdische Eigenart behalten hätten und nicht wie die Juden in den übrigen Gebietsteilen magyarisiert seien; das Gesetzgebungswerk zeige deutlich, daß man hinsichtlich der übrigen ungarischen Gebiete anders verfahren werde, denn sonst sei dieses Gesetzgebungswerk ja überflüssig. Ob zufolge dieser Propaganda oder aus anderem Grunde, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls ist das Judentum in den übrigen ungarischen Gebieten bisher trotz des beginnenden Abtransports schließlich ruhig geblieben. Man rechnet jedoch allgemein bei den SS-Dienststellen mit gewissen Schwierigkeiten, sobald die Konzentrierungs- und Abtransportmaßnahmen auch in den anderen Provinzen anlaufen.
In diesen Tagen findet unter Vorsitz des ungarischen Innenministers – der hiermit erstmalig sich selbst in der Judenfrage in den Vordergrund stellt nach bisheriger Zurückhaltung – eine Sitzung der Obergespane, Gendarmeriekommandeure usw. der nördlichen und nordwestlichen Provinzen statt, in denen die Verwaltungsstellen die Weisungen für die Konzentrierungsarbeit in ihren Provinzen entgegennehmen sollen. Am 7. Juni wird sodann mit der Konzentrierung in diesen Gebieten begonnen. Anschließend werden die gleichen Maßnahmen im Süden und Südwesten durchgeführt werden.

Mitte bis Ende Juli glaubt man dann Budapest selbst in Angriff nehmen zu können.