Dok. 14-079
Ein aus dem Deportationszug nach Buchenwald geflüchteter Jude berichtet seiner Schwester am 15. Oktober 1944 aus der Schweiz von seinen Erlebnissen

Meine liebe kleine Schwester, ich habe Dir schon über das Rote Kreuz Nachrichten schicken lassen

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Charles bzw. Carlo Lumbroso (*1917), Produzent; am 20.12.1943 in Rom verhaftet, im Gefängnis in Rom und in Fossoli inhaftiert, am 5.4.1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Mauthausen befreit; nach dem Krieg als Filmproduzent in Frankreich tätig.

 

 

Meine liebe kleine Schwester,

ich habe Dir schon über das Rote Kreuz Nachrichten schicken lassen, aber da Du mir bislang nicht geschrieben hast, sende ich Dir diese Zeilen mit der Bitte, um jeden Preis einen Weg zu finden, mir Neuigkeiten von Euch allen zukommen zu lassen,

[...]

Hier nun in wenigen Worten, was mir widerfahren ist, seit die SS mich einige Tage nach der Einnahme Roms aus meinem bequemen „Bett“ im Gefängnis von Florenz gezerrt und ins Konzentrationslager Fossoli in der Nähe von Carpi gebracht hat.

Drei Tage nach meiner Ankunft im Lager sollte eine Deportation nach Polen stattfinden. Ich habe mich auf Teufel komm raus gewehrt und erreicht, dass sie mich den Halbjuden zugeteilt haben, die im Prinzip nicht deportiert werden. In ständiger Alarmbereitschaft und bemüht, mich in Luft aufzulösen, um so wenig wie möglich aufzufallen, ist es mir gelungen, bis zum 1. August mehr schlecht als recht zu überleben. Peitschenhiebe, Schläge ins Gesicht, Fußtritte in den Bauch, so sahen die kleinen, alltäglichen Annehmlichkeiten aus. Es ist nicht nötig, Dir zu erklären, dass ein Menschenleben hier weniger zählt als das Leben einer Fliege.

Am 13. Juli bei Tagesanbruch haben die Herren von der SS 70 unserer Leidensgenossen, politische Gefangene, mit Maschinengewehren massakriert.

Ich war Zeuge der Deportationen von Juden: von Kindern, Säuglingen, Greisen von über neunzig Jahren, jungen Männern und Frauen.[...] Am 1. August um 4 Uhr früh dann die plötzliche Wendung: Das gesamte Lager sollte geräumt werden. [...] Auf Lastwagen wurden wir nach Verona gebracht. Wir waren 300 Juden, 40 Engländer und 100 „Politische“. Am 2. August um 4 Uhr wurden wir in Viehwaggons gesperrt, die daraufhin versiegelt wurden. Mit 28 anderen aus dem gleichen Waggon sollte ich nach Buchenwald, die Übrigen nach Mauthausen und Auschwitz. Um 9 Uhr verließ der Zug Verona. Um 2 Uhr morgens, nachdem ich das Pro und Kontra abgewägt hatte und in vollem Wissen dessen, was mich in Deutschland erwartete, beschloss ich, mein Glück zu versuchen. Von den anderen erklärte sich nur ein Einziger bereit, mir zu folgen, und ich sprang als Erster. Bei der Ausfahrt aus einem Bahnhof, als der Zug wieder an Geschwindigkeit zulegte, sprang ich aus dem Viehwaggon (es gab vier Öffnungen, zwei waren vergittert, zwei waren offen), gefolgt von meinem Freund. Wir wussten nicht, wo wir uns befanden. Wir hatten weder Papiere noch Geld. Am folgenden Tag erfuhren wir, dass wir in der Nähe von Auer (Bozen), einer deutschen Provinz, gelandet waren. Am 10. August um 5 Uhr in der Frühe betrat ich die Schweiz, ohne zuvor versucht zu haben, Bologna und die Alliierten zu erreichen.

[...]

Sag der Familie Lambroso, dass ich im Lager auf eine Spur des armen Charles gestoßen bin. Er wurde am 5. Februar nach Auschwitz deportiert. [...]

Ich umarme Dich und sende Euch tausend Küsse.