Dok. 14-076
Der 22-jährige Gianfranco Sarfatti verabschiedet sich von seinen Eltern am 13.August 1944 mit einem Brief aus der Schweiz, bevor er sich italienischen Partisanen anschließt

Liebster Vater, liebste Mutti, heute habe ich alles vorbereitet und alle Abmachungen getroffen

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Gianfranco Sarfatti (1922–1945); Mitarbeiter der Delasem; nach dem 8.9.1943 Mitglied des Florentiner antifaschistischen Fronte della Gioventù und des PCI; floh im Febr. 1944 in die Schweiz; von Aug. 1944 an in Cogne im Aosta-Tal bei der Gruppe von Emilio Lexert in der 76. Brigata Garibaldi, dort Politkommissar; am 21.2.1945 in La Morgnetta gefallen.

 

 

Liebster Vater, liebste Mutti,

heute habe ich alles vorbereitet und alle Abmachungen getroffen: Erst jetzt habe ich einige Augenblicke der Ruhe, bevor zwei weitere Gefährten kommen, mit denen ich diese letzte ruhige Nacht verbringen werde. Daher schreibe ich Euch nur ein paar Zeilen.

Ihr wisst ja, dass ich weder aus einer Laune heraus noch aus Abenteuerlust das tue, was ich tue: Meine Lebensentscheidungen der letzten Monate und ihre Beweggründe entspringen dem Bedürfnis, ganz in der Menschheit aufzugehen, an ihrem Schicksal teilzuhaben, in harten wie in glücklichen Zeiten. Handelte ich anders, würde ich mich selbst verleugnen, ich wäre orientierungslos, verzagt, gedemütigt: Und damit würde ich auch Euch verleugnen, die Ihr mich zur Welt gebracht und großgezogen habt.

Ihr hattet vielleicht öfter den Eindruck, dass ich Eure Qualen und Ängste nicht begreife. In Wirklichkeit verstand ich sie sehr wohl, verstehe sie auch jetzt und durchlebe sie voll und ganz; aber ich kann nicht anders, als meinem Weg zu folgen, dem Weg, den Ihr mir immer gewiesen habt. Bedenkt, dass, während es so aussieht, als würde die Welt zusammenbrechen und die Menschheit unter ihren Trümmern begraben, Eure Söhne – jeder auf seine Weise – in die Zukunft blicken und sich mit aller Kraft dem Wiederaufbau widmen. Ihr leidet, doch auch Millionen anderer Eltern waren und sind in Sorge um ihre Kinder, dabei darf es nicht bleiben. So wie ich Euren Schmerz im Schmerz aller leidenden Väter und Mütter erkenne, so solltet Ihr Eure Kinder in all den Kindern und jungen Menschen sehen, die in diese schweren Zeiten hineingeboren wurden.

Ich beschwöre Euch: Bleibt so ruhig wie möglich, bekämpft Eure Niedergeschlagenheit, seid zuversichtlich, dass es nicht mehr lange dauern wird, beruhigt Eure Nerven, bleibt mir und meinen Geschwistern erhalten, denn in Eure Arme zurückkehren zu können wird für mich eine der schönsten Belohnungen sein.

[...]

Tausend Küsse

Gianfranco

 

Am 14., morgens

Noch eine Umarmung vor der Abreise.