Dok. 06-163
Die 89-jährige Hermine Lesser aus Berlin schreibt am 9. September 1942, kurz vor ihrer Deportation nach Theresienstadt, ihrer in den Niederlanden lebenden Enkelin

Wie hat sich seit gestern mein Leben geändert. Am 7.9. abends kamen

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Margarethe Frohmann (1880–1945), Pianistin; verheiratet mit dem jüdischen Zahnarzt Dittmar Frohmann (gest. 1946).

 

Dorothea (Dora) Levin, geb. Lesser (1882–1958); Tochter von Hermine und Paul Lesser, verheiratet mit dem Arzt Ernst Gustav Levin (1866–1943); beide emigrierten im Mai 1939 nach Argentinien.

 

Adele (Ada) Fuerst, geb. Lesser (*1886); Tochter von Hermine und Paul Lesser; verheiratet mit dem Zahnarzt Willy Fuerst (1877–1943); emigrierten zusammen im Aug. 1939 in die Niederlande; beide wurden in Auschwitz ermordet.

 

Handschriftlicher Brief.

 

Meine lieben Enkelkinder,

 

wie hat sich seit gestern mein Leben geändert. Am 7.9. abends kamen die Papiere, am 8.9. wurde gepackt und morgen früh werden wir nach der Hamburger Straße gebracht, um am 10.9. die Reise nach Theresienstadt in der Tschechoslowakei zu machen. Die Alten sind jetzt an der Reihe. Meine Transport-Nummer ist 09823.

Als Sendungsstelle hat sich Frau Margarethe Frohmann zu Werder bei Potsdam, Potsdamerstraße 97, gemeldet. Sie vermittelt die ankommende Post vom Adressaten an mich. Sie ist wohl etwas sicherer als Frau Lehr, die oft in Sorge wegen ihrer Mischehe ist.

Von all diesen Schwierigkeiten werde ich in Theresienstadt nichts merken, aber schön ist es in Berlin auf keinen Fall, da alle Hemmnisse auf uns gelegt und schwer von uns empfunden werden. Ich gehe nach Theresienstadt, weil man an Tatsachen nichts ändern kann; mache mir auch von dem dortigen Leben keine Illusionen, so daß mich Enttäuschungen nicht niederdrücken können; halte den Kopf oben, denn wir haben uns nichts vorzuwerfen; will gerne durchhalten, da ich den Wandel der Zeiten zu unseren Gunsten gerne miterleben möchte. Aber solche Auflösung einer Wirtschaft macht viel Arbeit, auch wenn ich heute nicht mehr an den Sachen hänge und meinen Kindern nur wenig helfen kann.

Teile bitte Frau Nau meinen Ortswechsel mit, zum Schreiben fehlt mir die Zeit, es ist bereits der sechste Brief und etliche Karten, die ich heute Abend geschrieben habe. Schreibe so oft es geht über die Sendungsstelle, Frau Frohmann; ich werde nur selten antworten können, da ein Schreibverbot besteht und ich, wenn es mal gehen sollte, an Dörle und Ada denken muss.

Aus Buenos Aires kam kein weiterer Brief als der vom 18.5. geschrieben, und auch aus Berlin warte ich lange auf Nachricht. Dies wird bei meinem Ortswechsel noch viel schlimmer sein, denn die Post war meine größte Freude.

 

Herzlichste Grüße an Euch und unseren Jan Joost

von Eurer Großmutter