Dok. 06-160
Richard Lichtheim von der Zionistischen Weltorganisation leitet am 30. August 1942 einen Bericht über den Massenmord und die Enttäuschung polnischer Juden über das Ausbleiben von Racheaktionen weiter

Vor kurzer Zeit kam ein Herr direkt aus Polen und berichtete über Pogrome in

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  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Richard Lichtheim (1885-1963), Ökonom, Journalist, Politiker; 1911-1913 Chefredakteur des zionistischen Zentralorgans Die Welt, 1913-1916 Vertreter der Zionistischen Weltorganisation (WZO) in Konstantinopel, 1917-1920 Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland; 1934 emigrierte er nach Palästina; 1938-1946 Leiter des Büros der WZO in Genf; lebte später in Israel; Autor von ‘Die Geschichte des deutschen Zionismus’ (1954).

 

Dr. Leo, auch Aryeh, Lauterbach (1886–1968), Jurist und zionistischer Funktionär; Jurastudium in Wien und Lemberg; von 1919 an in der WZO aktiv, von 1921 an Leiter der Organisationsabt., seit 1935 als Geschäftsführender Sekretär; emigrierte 1936 nach Palästina.

 

Genf, Schreiben an Dr. Lauterbach

 

[…] Vor kurzer Zeit kam ein Herr direkt aus Polen und berichtete über Pogrome in Lemberg und über die Verhetzung der polnischen Bevölkerung bezw. über deren unfreundliches Benehmen gegenüber der dort ansässigen Judenheit. Gestern […] kam wieder eine Person direkt aus Polen (Arier), eine sehr vertrauenswürdige und bekannte Persönlichkeit, und berichtete folgendes: Das Warschauer Ghetto ist in Liquidation begriffen. Es werden Juden ohne Unterschied von Alter und Geschlecht aus dem Ghetto gruppenweise weggenommen, erschossen […]. Die Massenhinrichtungen finden natürlich nicht in Warschau selbst statt, sondern in besonders hierfür hergerichteten Lagern. Ein solches Lager soll sich in Belzec befinden. In Lemberg selbst soll man in den letzten vier Wochen rund 50.000 Juden an Ort und Stelle hingeschlachtet haben, in Warschau nach einem anderen Bericht 100.000. […]  Während deportierte arische Holländer und Franzosen wirklich zu Arbeitsleistungen im Osten herangezogen werden, sollen die jüdischen Deportierten aus Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich und der Slowakei zur Hinschlachtung bereitgestellt werden. Da im Westen diese Hinschlachtungen größeres Aufsehen erregen würden, muß vorerst die Deportation vorgenommen werden und zwar nach dem Osten, wo das Ausland geringere Möglichkeiten hat, es zu erfahren. […] Ein Großteil von deutschen Deportierten soll sich in Theresienstadt befinden. Dieses Lager ist jedoch nur eine Zwischenstation, und die Insassen dieses Lagers haben das gleiche Schicksal zu gegenwärtigen. Immer wenn durch solche Hinrichtungen wieder neuer Platz geschaffen ist, werden weitere Deportationen vorgenommen. […]

Tragisch ist die Tatsache, daß die polnische Bevölkerung von den Deutschen gegen die Juden sehr verhetzt wird und das Verhältnis zwischen der polnischen Bevölkerung und den Juden sich sehr zugespitzt hat. Dies trifft besonders in Lemberg zu. Auf die Frage, welches Verhältnis in Warschau unter der Bevölkerung herrsche, war die Antwort, daß es dort gar kein Verhältnis geben kann, denn in Warschau bekommt kein Pole einen Juden zu sehen. Die jüdische Bevölkerung, besonders die in Lemberg und im Ghetto von Warschau, lebt in der einzigen Hoffnung, daß entweder eine zweite Front entsteht, oder aber, daß der Krieg wie durch ein Wunder noch vor diesem Winter zu Ende geht. Die Juden in Polen stellen folgende Frage: Über 4 Millionen Deutsche leben in Amerika, davon bekennen sich 2 Millionen zum Nationalsozialismus. Warum ergreift Amerika keine Repressalien? Deswegen ist die jüdische Bevölkerung Polens über Amerika sehr enttäuscht und erbittert. Man versteht, daß England aus Angst um seine Kriegsgefangenen nichts unternimmt. Amerika aber hätte doch nichts zu befürchten. Die jüdische Bevölkerung in Polen ist jetzt so weit, daß sie weiß, sie hat nichts mehr zu verlieren.

[…] Jetzt wäre zu überlegen: a./ Wie könnte man das den französischen Regierungskreisen plausibel machen, um wenigstens die Juden Frankreichs vor der Auslieferung zu retten? b./ Auf welchem Wege könnte man der amerikanischen Judenheit – aber ohne Quellenangabe – diesen Bericht zur Kenntnis bringen? […]  c./ Nachdem einige Male mit Sicherheit festgestellt wurde, daß die nichtjüdische Bevölkerung Polens die Radioübertragungen aus London in polnischer Sprache abhört, wäre dringendstes Gebot, bei der polnischen [Exil-] Regierung in London dahin vorstellig zu werden, daß in solchen Radioansprachen die polnische Bevölkerung davon abgebracht wird, bei dieser grauenerregenden Aktion mitzuwirken.

[…]