Dok. 06-156
156 Lotte Kamenetzki schildert im Verhör am 26. August 1942, wie sie sich, um der Deportation zu entgehen, falsche Papiere besorgt und vom Handel mit Schmuck gelebt hat

Ich bin als Tochter eines Hoteldirektors Moritz Witkowski (Jude) geboren

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Lotte Kamenetzki, geb. Witkowski (1907-1943); verheiratet mit Bernhard Kamenetzki, Vertreter; sie wurde am 28.9.1943 nach Auschwitz deportiert und kam dort um.

 

Dorothea Witkowski, geb. Kohn (auch Cohn oder Kohl) (1882-1943), im Sept. 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

Fritz Liebenthal (*1896); er wurde am 28.9.1943 nach Auschwitz deportiert und kam dort um.

 

Dr. Hans Kurnik (*1897), Zahnarzt; 1923 in Würzburg promoviert; er hat das Kriegsende erlebt, sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

Protokoll der Vernehmung beim Zollamt Wien

 

[…] Ich bin als Tochter eines Hoteldirektors Moritz Witkowski (Jude) geboren und lebte von meinem zweiten Lebensjahr bis zum Jahre 1926 in Hindenburg (Oberschlesien), wo mein Vater ein Hotel gepachtet hatte. Im Jahre 1926 bin ich mit meiner Mutter nach dem Tode meines Vaters nach Berlin gezogen und habe mich dort im Jahre 1930 mit dem Juden Kamenetzki verheiratet. […] Durch meine Heirat mit Kamenetzki wurde ich staatenlos. Nach meiner Scheidung habe ich nun versucht, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Ich lebte mit meiner Mutter vom Erlös einer Gewinnbeteiligung an einer Apotheke in Beuthen-Oberschlesien. Wir erhielten etwa monatlich 250,– RM. Im Jahre 1940 habe ich in Berlin den Juden Fritz Liebenthal kennengelernt und bald danach mich mit ihm verlobt.

Liebenthal und ich kennen in Berlin einen Zahnarzt Dr. Hans Kurnik, […] Er hat einen Bruder mit Namen Otto Kurnik – ebenfalls Mischling –, der sich entweder in einem Gefängnis oder in irgendeinem Sammellager befinden soll. Dr. Hans Kurnik bat meinen Verlobten, für seinen Bruder etwas zu tun. Darunter war zu verstehen, daß er seine Freilassung erwirken sollte. Zu diesem Zweck ließ sich Liebenthal von Dr. Hans Kurnik, Berlin, die Personaldokumente geben, die beim Sippenamt und anderen Behörden gebraucht wurden.
[…] Liebenthal hat dann die Personaldokumente des Dr. Hans Kurnik einem Postamt Berlin-Charlottenburg vorgelegt […]. Auf Grund dieser Personaldokumente hat das Postamt dem Liebenthal einen Postausweis mit Lichtbild auf den Namen Dr. Hans Kurnik ausgestellt. […] Liebenthal und ich erklärten dem Beamten, daß wir geheiratet hätten und daß ich […] die Frau des Dr. Hans Kurnik sei. Daraufhin stellte der Postbeamte den Postausweis auf den Namen Lotte Kurnik aus.
Ich war mir darüber klar, daß ich mich durch falsche Angaben bei der Behörde strafbar machte und eine Urkunde wissentlich fälschte. Ich tat dies, um eine zu erwartende Evakuierung zu verhindern.
[…] Liebenthal, meine Mutter und ich wohnten seit November 1941 – in diesem Monat wurden die Postausweise ausgestellt – vorübergehend in Berlin, in Zobot, in Karlsbad, in Wien, in Baden bei Wien und in München. Wir haben uns überall unter falschem Namen polizeilich angemeldet und überall als Arier gewohnt und gelebt.

Frage: Aus welchem Grunde führten Sie Ihre Reisen durch?

Antwort: Wir wollten dadurch eine Evakuierung verhindern.

Frage: Wovon haben Sie gelebt?

Antwort: Anfang des Jahres 1941 erhielt meine Mutter von meiner Tante […] 10.000,– RM, ich ebenfalls 10.000,– RM und mein Verlobter weitere 15.000,– RM geschenkt. Von diesem Geld haben wir gelebt und Reisen gemacht. Einen großen Teil haben wir für unsere Auswanderung ausgegeben. Die Auswanderung scheiterte aber an meiner Staatenlosigkeit.

Frage: Ist Ihnen bekannt, daß Liebenthal Goldgeschäfte und auch Geschäfte mit anderen Waren größeren Umfanges durchgeführt hat?

Antwort: Ja. Etwa zu Beginn des Jahres 1942 wohnten mein Verlobter, meine Mutter und ich im Hotel „Grüner Baum“ in Baden bei Wien. Wir hielten uns auch im Spielkasino auf, und dort wurden meinem Verlobten Goldwaren und Brillanten zum Kauf angeboten.

[…] Ich weiß, daß mein Verlobter Liebenthal von einem gewissen Arno Franke, der in Brüssel tätig ist, laufend Goldbänder und Brillanten übernommen und innerhalb des deutschen Reichsgebietes verkauft hat. Mein Verlobter hat mir in Karlsbad im Juli d.J. ein schweres goldenes Armband, das aus einer Sendung des Franke stammte, übergeben für den Fall, daß ich einmal in Not geraten sollte. […] Dieses Goldarmband wurde bei meiner Festnahme vorgefunden und beschlagnahmt. Ich habe außerdem noch von Liebenthal einen Brillantring im Werte von rund 8.000,– RM Ende Juli d.J. in Berlin übernommen. Liebenthal brachte diesen Ring von seiner Reise aus Wien mit und übergab mir den Ring in Berlin mit dem Bemerken, daß ich ihn später verkaufen könne, falls ich in Not gerate. Diesen Ring habe ich bei der Festnahme in meinen Schlüpfer gesteckt und habe ihn dann vor der körperlichen Durchsuchung dem Polizeibeamten freiwillig übergeben.
Es war mir bekannt, daß die Geschäfte, die mein Verlobter als Jude machte, verboten sind. Ich war mir auch darüber klar, daß ich mich in dieser Sache der Beihilfe schuldig machte. Wir machten diese Geschäfte zum Teil gemeinsam, um unsere Lebenshaltungskosten zu bestreiten.