Dok. 06-140
Camilla Hirsch aus Wien schildert ihre Verhaftung am 10. Juli 1942, die Zustände im Sammellager Malzgasse und ihre Deportation nach Theresienstadt

Am 10. Juli 1942, 1/2 5 Uhr morgens heftiges Läuten, dann ohrenbetäubendes

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Camilla Hirsch, geb. Wolf (1869–1948), Schriftstellerin, Verfasserin von Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene; in erster Ehe mit Heinrich Frank verheiratet, aus der ihr Sohn Robert hervorging, später mit Anton Hirsch verheiratet.

 

Maximilian Dürrheim (1867-1942) wurde am 14.7.1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

 

Anne Banhegi, geb. Wolf (1881-1942), wurde am 17.8.1942 nach Malyj Trostinec deportiert und dort ermordet

 

Handschriftliches Tagebuch

 

Am 10. Juli 1942, 1/2 5 Uhr morgens heftiges Läuten, dann ohrenbetäubendes Klopfen an der Wohnungstüre. Ich fahre aus dem Schlaf auf, öffne. Zwei Ordner stehen draußen, sie sind geharnischt, unfreundlich eingestellt. Von der Kultusgemeinde, sagen sie, – Kommen Sie uns auszuheben, dann sagen Sie es gleich. Jawohl! Rasch einpacken, der Wagen wird gleich da sein.  Wir beginnen zu packen. Von 17 an der Zahl müssen 9 das Haus verlassen, darunter zwei 86jährige Frauen und Herr Dürrheim, ein schwerkranker Mann, der seit mehr als 2 Jahren das Bett hüten muß. Ein dritter Ordner erscheint, will die Wohnungstür verrammeln, was ihm aber nicht gelingt. Wir sind gefangen, dürfen weder mit jemand sprechen noch schreiben. Meine Schwester Anny kommt wie alle Tage um 8 Uhr zu mir, sie darf nicht mehr herein, durch das Guckloch sage ich ihr Lebewohl, darf ihr nicht einmal das Brot geben, das ihr gehört. Ein Koffer und ein Schlafsack, das ist alles was wir mitnehmen dürfen, und dann noch etwas Handgepäck. […]

Sie schlagen uns vor, einen Wagen zu mieten und das Gepäck darauf zu verladen. Wir tun es und machen uns auf den Weg. Die 2 Frauen von 86 und Herr Dürrheim werden auf den Wagen gehoben, den ein Schimmel zieht. Unser Gepäck wird verstaut, dann gehen wir zu zweit in einem Zug, eskortiert von den 3 Ordnern.  Es geht in die Malzgasse 16, dem früheren Altersheim. Nach den Aufnahmeformalitäten, wobei ein jeder eine Transportnummer angehängt bekommt und Geld abliefern muss, gelangen wir in einen großen Saal. Hier sitzen bereits einige 30 Personen auf Matratzen rings an den Wänden.

Diese Nacht war die schrecklichste meines Lebens. Wir liegen angekleidet auf einer Matratze zu zweit dicht nebeneinander. Zwischen den Matratzen ist kaum Platz für eine Stecknadel. Neben mir habe ich die Freundin, die ich nicht stören will, auf der anderen Seite ringe ich mit den genagelten Stiefeln meines Nachbarn, der sich mir durchaus auf die Stirn setzen will, mit dem Knie stoße ich einen anderen Stiefel weg, der einem Dritten gehört. […]

Entsetzlicher Lärm vom Hof aus, ein Lastauto nach dem andern rast heran. Menschen und Gepäck werden ausgeladen, die Koffer türmen sich. Mit schriller Stimme, ohne Rücksicht auf Schlafende, werden Befehle erteilt. […|

Man nimmt uns den Heimatschein ab, schleudert ihn auf den Fußboden, dann das restliche Geld. Ich lege es auf den Tisch; man verlangt auch die kleinen Münzen; ich streue sie hin. Wir sind keine Reichsangehörigen mehr. Auf der Kennkarte erhalten wir den Vermerk evakuiert.

Am nächsten Tag geht es zur Entlausung. Wir werden untersucht. Alle, bei denen sich Verdächtiges zeigt, werden kahlgeschoren. Dann müssen wir ins Bad. Im Lastauto werden wir hintransportiert, genau beim Einsteigen abgezählt und beim Aussteigen wieder. Jetzt erst weiß man, was für kostbares Gut ein Jude ist.  Das Bad ist nicht unangenehm, eine heiße Douche, sogenanntes Tröpferlbad. Dagegen ist es empörend, daß die Frauen splitternackt vom 1. Stock ins Bad, das sich im Erdgeschoss befindet, steigen müssen, ohne das Geringste zu ihrer Bedeckung, trotzdem Männer gleichzeitig die Stiege hinaufgehen.

Ich fahre ein letztes Mal durch die mir wohlbekannten Straßen, auch an meiner alten Heimat vorbei, wo ich noch als Kind gespielt; am Hause, das ich als Braut verließ und in dem meine gute Mutter starb. Aber es gibt keine Reminiszenzen, man beißt die Zähne zusammen und hält sich am Nachbarn fest, um nicht zu stürzen. Endlich langen wir am Aspangbahnhof an. Ein Zug steht bereit für 1000 Personen. […]

Um 1/2 8 setzt sich der Zug in Bewegung. […]