Dok. 14-140
Jüdische Flüchtlinge schildern Anfang 1942 dem Kommandeur der Division Cacciatori delle Alpi das Schicksal der Juden in Sarajevo

Der Herr General hat sich sehr für die Gründe und Ursachen interessiert, die die Juden gezwungen haben

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Vittorio Ruggero (*1890), Berufsoffizier, 1941–1942 Befehlshaber der in Kroatien und Slowenien stationierten Division Cacciatori delle Alpi, 1943 Befehlshaber der Territorialverteidigung von Mailand; 1943–1945 in deutscher Kriegsgefangenschaft.

 

 

Denkschrift von Vertretern der jüdischen Flüchtlinge in Mostar, ungez., an den Kommandeur einer italienischen Infanteriedivision

 

[…] Der Herr General hat sich sehr für die Gründe und Ursachen interessiert, die die Juden gezwungen haben, ihre Heimatorte zu verlassen und in das vom italienischen Militär besetzte Gebiet zu fliehen. Da diese Frage in erster Linie von den jüdischen Flüchtlingen zu beantworten ist, nehmen sich deren Vertreter die Freiheit, dem Herrn General und diesem Kommando die Gründe zu erläutern, die sie gezwungen haben, ihre Wohnorte zu verlassen und das harte und bittere Leben von Flüchtlingen auf sich zu nehmen. Gleich nach der Beendigung der Kampfhandlungen gegen Jugoslawien wurde der Unabhängige Staat Kroatien der Ustascha gegründet. Schon in den ersten Tagen nach der Gründung fingen verantwortliche und unverantwortliche Elemente sowie jene, die die zivile und militärische Macht übernommen hatten, damit an, ihre Zerstörungswut gegen gewisse Bevölkerungsgruppen zu richten, in erster Linie gegen die jüdische Bevölkerung. Drei Tage nach der Besetzung Sarajevos – woher die meisten Flüchtlinge stammen – haben diese Elemente das in arabisch-maurischem Stil erbaute israelitische Gotteshaus dieser Stadt, eines der schönsten auf dem Balkan, zerstört und geplündert. Sie stürmten es, zerstörten und zerbrachen alle geweihten Gegenstände, Kandelaber, Lampen und andere wertvolle Geräte, wobei sie auch den heiligsten Teil des Gotteshauses mit den Büchern Moses verwüsteten – die Torarollen aus Pergament. Die Möbel, die Glasmalereien, die Feinschmiedearbeiten, die Mosaike, die Marmorsäulen wurden mit dem Hammer zertrümmert; die heiligen Bücher, die Gewänder der Geistlichen und andere kostbare Gerätschaften, die für die Andachten im Gotteshaus notwendig sind, wurden zerschlagen, zerrissen, vernichtet; es wurde sogar das Kupfer vom Dach und von den Fenstern abgetragen und alle anderen Gegenstände aus Metall; als wäre das alles nicht genug, drang die Meute in das Büro der Israelitischen Gemeinde ein, zerstörte die Möbel und brach den Panzerschrank auf, aus dem sämtliche Wertsachen entwendet wurden. Gleichzeitig wurde die jüdische Bibliothek vernichtet, die äußerst seltene und wertvolle Bücher enthielt und Annalen aus dem 15. Jahrhundert, d. h. aus der Epoche der spanischen Inquisition und der Ankunft der Juden in Bosnien. Zur gleichen Zeit ernannten die Polizei und die Ustascha auf eigene Initiative und ohne jede rechtliche Grundlage in allen jüdischen Unternehmen kommissarische Verwalter, die manchmal sofort, manchmal erst nach ein paar Wochen die Eigentümer einfach davonjagten, ohne ihnen irgendeine Entschädigung oder ein Entgelt zu zahlen. […]

Die besagten Kommissare wurden ohne jede Rücksicht auf ihre Qualifikation ernannt (z. B. wurde ein Bäcker zum Kommissar einer Manufaktur ernannt, ein Barbier in einer Strickerei, ein Gastwirt in einer Eisenwarenhandlung) – die einzige erforderliche Eignung bestand in ihrer Ustascha-Uniform. Zur gleichen Zeit drangen bewaffnete Ustasche und die örtliche Polizei auf eigene Initiative bei Tag und bei Nacht in die Wohnungen der Juden ein, ergingen sich in Gewalthandlungen, beschlagnahmten eigenständig Geld und andere Wertgegenstände, die von den eingeschüchterten Eigentümern ohne weiteres herausgegeben wurden. Überdies wurden ganze Familien aus ihren Wohnungen hinausgeworfen, ohne auch nur das Nötigste mitnehmen zu können. Parallel zur wirtschaftlichen Vernichtung begannen die Ustasche, Maßnahmen zu ergreifen, um uns auch moralisch zu treffen und zu demütigen. Den Juden wurde es verboten, sich in der Stadt frei zu bewegen, Theateraufführungen oder Filmvorführungen zu besuchen, die Bäder zu benutzen und öffentliche Lokale zu betreten. Straßenbahnen durften nur auf der letzten Plattform benutzt werden. Lebensmittel durften Juden nur noch in jüdischen Geschäften und in der von den Ustasche vorgeschriebenen Zeit einkaufen. Das Schlachten von Tieren nach jüdischem Ritus wurde streng verboten, zusätzlich führte man eine besondere Ausgangssperre für Juden ein, so dass ihre Gottesdienste in den Synagogen nicht mehr stattfinden konnten. Die sogenannte Zwangsarbeit wurde zur Pflicht für Frauen ebenso wie für Männer, und dabei ging man brutal vor. […]

 

Am 1. August des vergangenen Jahres gab es einen schweren Zwischenfall, der nicht nur die Juden, sondern die gesamte Bevölkerung Sarajevos empörte. Um vier Uhr früh verhafteten die Ustasche neun Israeliten, friedliche und bekannte Bürger der Stadt, darunter auch einen Geistlichen, und brachten sie aus der Stadt hinaus. Den Angehörigen sagte man, man werde sie zur Zwangsarbeit bringen. Später wurde bekannt, dass diese Unglücklichen an einen abgelegenen Ort gebracht und von den Ustasche ohne Prozess oder Gerichtsurteil umgebracht wurden. Den Angehörigen gab man auf Nachfrage zur Antwort, sie seien in Konzentrationslager außerhalb Bosniens gebracht worden, während man von Augenzeugen mit Gewissheit weiß, dass sie noch am selben Morgen von den Ustasche ermordet und bald darauf von einigen Bauern begraben wurden. […]

Nachts, während die übrige Bevölkerung schlief, kamen die Ustasche und die Polizeiorgane bewaffnet in die Viertel der Juden und befahlen ihnen, sich anzuziehen, unverzüglich mitzukommen und dabei nur das Nötigste mitzunehmen. Natürlich waren diese armen, verängstigten Leute, die man mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte, bei dem sich daraus ergebenden Durcheinander nicht in der Lage, auch nur das Allernötigste mitzunehmen. So wurden ganze Familien deportiert, alte Männer und alte Frauen, Kranke, Behinderte, Säuglinge und Schwache. Das geschah von Mitternacht bis zum Morgengrauen, Straße um Straße, bis die Zahl dieser Unglücklichen groß genug schien, um einen Transport zu bilden, oder bis der Tagesanbruch es unmöglich machte, das schändliche Werk fortzusetzen. Die Juden wurden an den Stadtrand in die Nähe des Bahnhofs gebracht und mussten stundenlang im Freien verbringen, im Regen und in der Kälte, hungernd und durstig, um dann zu jeweils 60 bis 70 Personen in Viehwaggons gepfercht und eingesperrt zu werden, ohne Heizung, ohne Licht und ohne Toilette. Während der ganzen Fahrt erhielten diese Leute weder Nahrung noch Wasser, obwohl die Reise mehrere Tage dauerte und Kranke unter ihnen waren, Alte zwischen 60 und 80 Jahren, schwangere Frauen, Kinder von wenigen Monaten und Menschen, die seit Jahren gelähmt sind. Dieser erste Transport in das sogenannte Konzentrationslager war der Auftakt zu ständigen und systematischen Verfolgungen der Juden. Er bestand aus etwa 1000 Menschen beiderlei Geschlechts, die in der Kälte unter Tränen und Schmerzen in das Konzentrationslager von Kruscica nahe Travnik gebracht wurden. Es ist schwer, Worte und Ausdrücke zu finden, um den Leidensweg der jüdischen Frauen und Kinder von der Nacht, als der Transport begann, bis zum Augenblick der Ankunft am Bestimmungsort zu beschreiben. Während der Fahrt behandelten die Ustasche, die den Transport als Aufseher begleiteten, die Gefangenen an den verschiedenen Bahnhöfen schlechter, als sie es mit Tieren hätten tun können. Ganzen Familien erlaubten sie nicht, ihre Notdurft zu verrichten, auch nicht an Bahnhöfen, wo der Zug stundenlang stehenblieb, und das, obwohl sie die Notdurft nicht in den Waggons verrichten konnten, weil die dafür erforderlichen sanitären Einrichtungen fehlten. Sie erlaubten ihnen nicht, Wasser zu holen, um den Durst von Kindern und Frauen zu stillen. Und wenn die mitfühlende Bevölkerung eine Kleinigkeit anbieten wollte, Lebensmittel oder einen heißen Tee, bekamen die Helfer und die Notleidenden einen Schlag mit dem Knüppel oder dem Gewehrkolben zu spüren. […]

In Kruscica wurden sie in alte Holzbaracken mit undichten Dächern und Wänden gesteckt, ohne Fußböden, Öfen oder irgendwelche Toiletten. In diesen Baracken saßen und schliefen sie tags wie nachts auf dem nackten und feuchten Erdboden, Alte ebenso wie Mütter mit kleinen Kindern. Deshalb brachen nach einer Woche ansteckende und epidemische Krankheiten unter ihnen aus, so dass es zahlreiche Tote und Hunderte von Kranken gab. […]

 

Diese Verfolgungen hat kein Gesetz vorgeschrieben, sie sind vielmehr das Ergebnis der Brutalität und des Sadismus der verschiedenen Polizeichefs. Das lässt sich daran erkennen, dass, während die Juden Bosniens ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht deportiert wurden, in Kroatien nur junge Leute und einige herausragende Persönlichkeiten dieses Schicksal erlitten. Den besten Beweis liefert die Tatsache, dass in Zagreb heute noch etwa 4000 Juden leben und in den anderen Städten Kroatiens, zum Beispiel in Osijek, Ilok, Vukovar, Ruma, Ðakovo, Miholjac usw. die israelitischen Gemeinden intakt geblieben sind. Einen weiteren Beweis liefert der Umstand, dass es vor der Ankunft des mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangten Polizeichefs Herrn Ivan Tolj auch in Sarajevo keine Massenverfolgungen gab, noch wurden sie in derart brutaler und niederträchtiger Weise durchgeführt. Kaum war er nach Sarajevo gekommen, ordnete dieser Polizeichef die Deportation aller Juden an, einschließlich der Kranken, der über 60 Jahre alten Männer und Frauen, der Kleinkinder, Ingenieure, Ärzte, Anwälte, Facharbeiter usw.

[…]

Wenn Sie, Herr General, all dieses Unglück, die Demütigungen, Qualen, Leiden und die Ermordung von Alten, Frauen und Kindern seitens der Ustascha und der kroatischen Behörden in Sarajevo und in ganz Bosnien bedenken, werden Sie gut verstehen, warum wir unsere Stadt verlassen haben, die Gräber unserer Ahnen, die seit sechs Jahrhunderten hier gelebt und gearbeitet haben, und warum wir die Unwägbarkeiten einer äußerst gefährlichen Reise auf uns genommen haben und nach Mostar geflohen sind als rettendem Hafen, um uns in den Schutz und die Obhut des italienischen Heeres und des italienischen Volkes zu begeben, das mit seinen Errungenschaften, den Werken und seiner Kultur nicht nur Europa, sondern die ganze Menschheit bereichert und zivilisiert hat!