Dok. 14-136
Hilda Dajč beschreibt in einem Brief vom 11. Dezember 1941 ihrer Freundin das Leben im Lager Semlin bei Belgrad

Nada, mein Goldschatz, sie war nicht gerade romantisch, die Szene

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Hilda Dajč (1922–1942), Architekturstudentin; unter der deutschen Besatzungarbeitete sie freiwillig als Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus; im Dez. 1941 im Lager Semlin interniert und 1942 im Gaswagen ermordet.

Nada, mein Goldschatz,

sie war nicht gerade romantisch, die Szene, als ich Deinen Brief erhielt. Wir beiden Krankenschwestern, angeleitet von einer Apothekerin, organisierten auf zwölf Spirituskochern nämlich gerade die Zubereitung von Tee und Milch (sofern diese von den Frauen mitgebracht worden war, weil Pakete hier gar nicht ankommen) – und genau bei dieser Aktion, die von einem Riesengeschrei begleitet war und bei der mir vom Rauch und Spiritus die Tränen herunterliefen, die sich mit echten, aufrichtigen Tränen der Erleichterung mischten, las ich Deinen Brief.

Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll – mit einem Wort: Wir hausen in einem großen Stall, ohne Mauer, ohne Zaun, 5000 und mehr Menschen, alle zusammen. Die Einzelheiten dieses Zauberschlosses habe ich Mirjana schon beschrieben, deshalb habe ich keine Lust, [das alles] zu wiederholen. Wir bekommen entweder Frühstück oder Abendessen, begleitet von schlimmsten Beschimpfungen – ein Glück, dass einem darüber der Appetit vergeht und man nicht hungrig ist. Während der vergangenen fünf Tage gab es vier Mal Kohl. Ansonsten ist es wunderbar. Besonders im Vergleich zu unserem Nachbarn – dem Zigeunerlager. Heute bin ich dort gewesen und habe 15 von Läusen befallenen Insassen die Haare geschnitten und sie anschließend eingerieben. Obwohl ich mir anschließend Hände und Arme bis zu den Ellenbogen mit Kresol desinfizierte, war alles vergeblich: Sobald ich mit der einen Partie fertig bin, ist die andere schon wieder voller Läuse.

Die Lagerleitung ist in den Händen von Leuten aus dem Banat. [...] Auf hundert Leute kommt ein Blockkommandant, gewöhnlich eine 16- bis 20-jährige Rotzgöre. Heute haben sie unter den 16- bis 23-jährigen Mädchen übrigens 100 Lagerpolizistinnen ausgewählt. Ich habe mich versteckt, weil ich meine Abneigung gegenüber jedweder Polizei kenne. Welche Kriterien sie bei der Auswahl anwenden, wissen nur sie. […] Sie haben uns bis auf 100 Dinar pro Kopf alles Geld sowie allen Schmuck abgenommen. Das Einzige, woran sie nicht sparen, ist Strom: Das Licht brennt die ganze Nacht und stört meinen gerechten Schlaf. [...]

Seitdem ich hier bin,bin ich sehr ruhig. Ich arbeite viel und mit starkem Willen und spüre in mir eine gewaltige Veränderung. Während ich früher, noch in „Freiheit“, ständig ans Lager dachte, habe ich mich während der fünf Tage so daran gewöhnt, dass ich gar nicht mehr darüber, sondern über viel schönere Dinge nachdenke, wie zum Beispiel – Du weißt ja, dass ich viel an Dich denke. Abends lese ich. Obwohl wir nur so viel mitnehmen durften, wie man eben mitnehmen darf, habe ich den Werther, Heine, Pascal, Montaigne sowie ein Englisch- und ein Hebräisch-Lehrbuch dabei. Eine sehr kleine Bibliothek also. Und doch scheint sie mir von gewaltigem Nutzen.

Meine liebe Nada, ich schreibe dies nicht bloß, weil es mein Wunsch ist, sondern feste Überzeugung: Wir werden uns bald sehen. Ich habe nicht die Absicht, hier den Sommer zu verbringen [...].

Meine Nada, ich muss jetzt schlafen, morgen werde ich früh aufstehen, und ich will meine Kraft bewahren. Mach’s gut, meine Liebe, ich habe Angst davor, in diesem dreckigen Stall an Dich zu denken. Ich will das Heiligtum nicht kaputtmachen, das Du für mich darstellst und das ich in mir trage.

Dich, Mama, Jasna und alle anderen grüßt ganz herzlich ein frohgemuter Freiwilliger.