Dok. 14-003
Der Zionist Gualtiero Cividalli notiert am 24. Juli 1938 nach der Verkündung des Rassenmanifests italienischer Wissenschaftler, dass er sich auf das Schlimmste vorbereite

Nichts ist trauriger, als wie ein unbeteiligtes Publikum die Akte eines Dramas zu verfolgen

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Gualtiero Cividalli (1899–1997), Ingenieur; betrieb zusammen mit dem Florentiner Architekten Ugo Giovannozzi (1876–1957) ein Architekturbüro; Antifaschist und Zionist; 1935–1938 Präsident des Jüdischen Nationalfonds für Italien; 1939 nach Palästina emigriert, wo er als Angestellter des War Supply Board in Haifa arbeitete; nach 1945 Ingenieur in einer Baugesellschaft.

[...]

Nichts ist trauriger, als wie ein unbeteiligtes Publikum die Akte eines Dramas zu verfolgen, von dem wir nicht wissen, wie fern der tragische Epilog noch ist: insbesondere wenn man das Gefühl hat, langsam in einen Strudel gezogen zu werden, der schließlich auch uns mitreißen wird.

Man merkt gar nicht, wie weit man diesem rutschigen Pfad bereits gefolgt ist, solange man nicht zurückblickt: Nur dann stellt man fest, dass Umstände, von denen man bis vor kurzem noch glaubte, sie würden nie eintreten, schon längst wieder überholt sind.

Es sind lediglich fünf Jahre vergangen, seitdem in Deutschland jene Bewegung triumphiert hat, die uns an eine Rückkehr ins Mittelalter denken ließ und deren Entwicklung täglich aufs Neue alle Befürchtungen übertroffen hat. Das Böse breitet sich schnell aus, und immer größere Gebiete werden davon angesteckt. Obwohl ich mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sich in Italien, unserem Italien, mit dem wir Gepflogenheiten, Vorlieben, ja das Leben selbst teilen, so schnell ein rassistischer Antisemitismus entwickeln würde und inzwischen als offizielle Doktrin der Regierung gilt. Im Gegensatz zu vielen anderen Juden, die vielleicht geistig weniger vorbereitet sind, glaube ich nicht an unmittelbar bevorstehende katastrophale Maßnahmen. Doch allein die Grundsatzerklärung des italienischen Rassenmanifests ist an und für sich äußerst ernst [zu nehmen]; sie vergiftet die Atmosphäre und bereitet den Boden für eine stetig schlimmer werdende Gesamtlage.Würde ich nur die vorübergehenden und materiellen Aspekte betrachten, müsste ich zugeben, dass ich mich in einer sehr zufriedenstellenden Lage befinde. Mir sind auch in diesen Tagen wichtige Aufträge erteilt worden; ich bin in meiner beruflichen Tätigkeit nicht ernsthaft behindert worden, und wenn ich mich nicht selbst bedeckt hielte, um Eifersucht und Neid zu vermeiden, die einem der Partei nicht beigetretenen Juden zum Verhängnis werden könnten, könnte ich behaupten, eine hervorragende Position erreicht zu haben. Doch all dies ist unbeständig; ich empfinde die Lage als unsicher und unerfreulich und bin auch für die Zukunft nicht zuversichtlich. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen befürchte ich, dass die bislang nur theoretische Grundsatzerklärung des Manifests, die uns heute nicht nur wegen ihrer möglichen praktischen Folgen, sondern auch wegen ihrer ethischen Bedeutung so bedrückt, in ein bis zwei Jahren bereits von den Tatsachen überholt sein könnte.

Also ist das Gebot der Stunde: auf alles vorbereitet sein, auch wenn man nicht unbedingt alles schwarzsehen muss. Jede Gelegenheit nutzen, die es uns und besonders unseren Kindern ermöglicht, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihnen womöglich (wenn auch nicht sehr wahrscheinlich) in den Weg stellen werden.

In den nächsten Monaten sollten wir ruhig und ernsthaft Vorbereitungsmaßnahmen treffen. Auch wenn sie sich als unnötig herausstellen sollten, werden sie nichtmnutzlos gewesen sein: Es wäre jedoch geradezu kriminell, sich von den mehr oder weniger absehbaren Ereignissen überrollen zu lassen, ohne zumindest den Versuch unternommen zu haben, sich zu retten.

Leider überstürzen sich solche Ereignisse und kommen derart unerwartet, dass es kaum möglich ist, sich rechtzeitig zu wappnen. Wer hätte vor einigen Monaten schon das plötzliche Ende Österreichs voraussagen können?

Die ganze Welt ist in Aufruhr. In Spanien kämpft man seit mehr als zwei Jahren einen der blutigsten Bürgerkriege seit Menschengedenken, an dem ausländische Kräfte in großer Zahl beteiligt sind. In China folgt ein Blutbad auf das andere. In Russland, Polen und der Tschechoslowakei sind Vorzeichen des Kriegs erkennbar.

Während sich der technische Fortschritt immer mehr durchsetzt und man die Welt in wenig mehr als drei Tagen umfahren kann, scheint es fast so, als habe die Menschheit keinen anderen Traum, all diese Mittel für die blinden Kräfte der Zerstörung zu nutzen. Gewalt beherrscht die Welt täglich stärker. Als alleiniges Gesetz gilt die Macht. Töten und zerstören sind die neuen Gebote. Werden wir oder unsere Kinder bessere Tage erleben?