Dok. 13-306
Ein bulgarischer Jude berichtet am 27. Dezember 1942 einem Freund im Ausland über die Situation der jüdischen Bevölkerung in Sofia und über die Angst vor einer Aussiedlung nach Polen

Ich habe die Möglichkeit, Dir dieses Schreiben ohne Vermittlung der Post zukommen zu lassen und

  • Orte
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Ich habe die Möglichkeit, Dir dieses Schreiben ohne Vermittlung der Post zukommen zu lassen und Dir deshalb offen zu schreiben. Es ist eine irrige Auffassung von Dir und auch von den anderen dort, daß es hier in letzter Zeit etwas ruhiger geworden ist. Diese Meinung scheint ihr gewonnen zu haben, da in den hiesigen Zeitungen nichts mehr über uns geschrieben wird und auch das hiesige Radio sich nicht mit uns befasst. Dagegen wird jetzt alles gegen uns ohne viel Aufsehen gemacht und sehr einfach. Das Konsistorium wird jeweils vom Kommissar für jüdische Angelegenheiten gerufen und dieses erhält Aufträge, welche den Juden in den Synagogen bekannt gemacht werden. Dadurch wird die Sache der öffentlichen Meinung entzogen. Sie weiß nicht, was mit uns gemacht wird, und gewinnt den Eindruck, daß gegen uns überhaupt nichts unternommen wird. Wir werden jetzt nicht mehr durch gemeinen Aufruf aus den Häusern herausgeschmissen, sondern bekommen einer nach dem anderen Auftrag durch ein kleines Schreiben des Kommissariats, die Wohnung binnen drei Tagen zu verlassen, und so wird einer nach dem anderen obdachlos gemacht. Ich selbst befürchte, eines Tages ein solches Schreiben zu erhalten, und dann weiß ich wirklich nicht, was ich machen muß. Diese neue Methode wird angewendet, denn scheinbar fand die öffentliche [Meinung], daß die Regierung das zulässige Maß überschritten hat, und scheint auch unter der Bevölkerung eine Mißstimmung entstanden zu sein. Wir gehen jetzt mit einem schwarz-gelben Davidstern geschmückt spazieren, doch scheint auch diese Maßnahme bei der Bevölkerung keine besondere Wirkung gehabt zu haben, bis vielleicht auf eine gewisse Distanzierung zwischen beiden Bevölkerungsteilen. Man will vielleicht vermeiden, den Eindruck eines Judenfreundes zu erwecken, und dies ergibt eine gewisse Distanzierung. Das Übel liegt aber viel tiefer. Es muß damit gerechnet werden, daß man uns zuerst nach der Provinz verschicken wird, und von dort steht uns Polen in Aussicht.

Erstere Maßnahme wird höchstwahrscheinlich schon sehr schnell eintreffen werden und diese Maßnahme wird auch im Gesetze selbst vorgesehen. Aus dem letzten Interview Filoffs ist zu entnehmen, daß er beabsichtigt, die Juden außerhalb Bulgariens zu bekommen, und ein anderes Revier außer Polen steht ihm nicht zur Verfügung. Es ist aber absolut nicht vorauszusehen, was noch alles Schlechte für uns hier kommen wird, denn die hierfür leitenden Persönlichkeiten sind absolut unberechenbar und zu allem fähig. Unter diesen Umständen bleibt [uns] nichts anderes übrig als retten, wer sich retten kann. Ich arbeite ununterbrochen und in jeder Richtung, um von hier wegzukommen.