Dok. 13-234
Erzbischof Nuntius Cassulo bittet den rumänischen Außenminister Mihai Antonescu am 2. Februar 1944, gefährdete Deportierte aus Transnistrien zu repatriieren, und übersendet deren Hilferuf

Sehr geehrter Herr Minister,
Ich bitte Sie, das beigefügte informative Schreiben zu prüfen

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Andrea Cassulo (1869–1952), kath. Priester; 1914 Bischof inMatelica (Italien); 1921 Erzbischof; Juni 1936 bis Juni 1947 Apostolischer Nuntius in Rumänien; protestierte imMärz 1941 gegen das Verbot der Konversion von Juden zum Christentum, 1942–1943 Einsatz für getaufte Juden, die nach Transnistrien deportiert wurden.

 

Sehr geehrter Herr Minister,
Ich bitte Sie, das beigefügte informative Schreiben zu prüfen.
Die Sache ist schwerwiegend und dringend.
Mein Gefühl christlicher Menschenliebe drängt mich dazu, sie Ihrem Wohlwollen zu empfehlen. Es wird, denke ich, den besten Eindruck unter den Nationen machen, wenn Sie diese Unglückseligen vor dem Tode bewahren.
Seien Sie, Herr Minister, sich meiner tiefsten Ergebenheit gewiss.
Hochachtungsvoll
Abschrift des deutschen Briefes im Anhang
Aus den anschließenden Informationen, die aus der Gemeinde Tulcin am Bug stammen, geht klar hervor, dass man in allen Grenzorten, die am Bug liegen und in denen deportierte Juden miserieren, mit der gleichen Vorgangsweise zu rechnen hat.
Im Juni 1942 wurden hierher über 5000 Juden deportiert: Heute sind wir kaum 700 Seelen, darunter über 100 Kinder, die noch auf Erlösung harren. Wir wurden nicht als politisch Verdächtige deportiert, sondern entweder von der Arbeitskammer gestrichen oder an Stelle Versteckter ausgehoben; viele von uns wurden auf der Straße mitgenommen, weil die Waggons nicht ganz gefüllt waren. Unsere Papiere sind in Ordnung. Es sind unter uns viele gewesene Staatsbeamte, ehemalige Frontkämpfer, fremde Staatsbürger, Reserveoffiziere, Pensionisten und Kriegswitwen. Es gibt viele wertvolle und arbeitstüchtige Menschen unter uns. Wir alle aber sind am Ende unserer Kraft.

Nach Abzug der rumänischen Behörden werden wir alle der letzten deutschen Vernichtungstruppe ausgeliefert. Wir kennen genau unsere Todesart. Eingepfercht unter Stacheldraht, selbstgegrabene Massengräber, die Kinder vorerst lebend hineingeworfen, die Erwachsenen unter Kolbenhieben splitternackt ausgezogen und hinein ins Grab, ein paar Kugeln nachgeknallt – es macht nichts, wenn man nicht gleich getroffen wird: Man wird eh von den nächsten Menschenleibern erdrückt. Es gibt kein Entrinnen; stumpf wie das Schlachtvieh lassen wir uns „umlegen“. Lange genug bewegt sich die Erde, bis alle erstickt sind. Dann ist endgültig Schluss...

Rettet unsere 700 Seelen! Bringt sie unverzüglich ins Land! Lasset unseren Notschrei nicht unverhallt! Rettet alle! Sollte es unmöglich sein, gleichzeitig 700 Seelen aus dem Inferno dieses Bezirks heimzubringen, so setzt alles daran, dass wir gruppenweise repatriiert werden.

Am 18.11.1943 zur Zahl 15376 hat die hiesige Präfektur, über Verlangen des Gouvernements und auf Initiative der Presidentia Consiliului de Ministri, eine Liste aller im Bezirk Tulcin noch befindlichen Staatsbeamten, Pensionisten, Kriegswitwen, Invaliden und Dekorierten nach Odessa eingesendet. Wir sind informiert, dass diese Liste, die 91 Seelen umfasst, nach Bukarest (Presidentia Consiliului) weitergeleitet wurde.

Die hiesigen Behörden versichern uns immer wieder, dass unsere Rettung nur noch aus Bukarest kommen kann ...
Ein Schrei aus tiefster Todesangst gellt heute zu Euch hinüber – werdet nicht mitschuldig an unserem Tod ...