Dok. 13-149
Der Schriftsteller Mihail Sebastian beschreibt am 29. Januar 1941 den Pogrom in Bukarest

Heute wurden die offiziellen Zahlen der toten Zivilisten bekannt gegeben

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Mihail Sebastian, geb. als Josef Hechter (1907–1945), Jurist, Publizist, Schriftsteller; bis 1934 mit führenden Ideologen der Eisernen Garde in der Redaktion Cuvântul (Das Wort), 1935 Abkehr von der Eisernen Garde; seit 1940 als Lehrer am Jüdischen Gymnasium in Bukarest, 1941 auf der Liste potentieller Geiseln; starb bei einem Autounfall.

 

Jacques G. Costin, geb. als Jacques Goldschläger (1895–1971), avantgardistischer Schriftsteller, Übersetzer aus dem Französischen; Bruder von Mişu Goldschläger-Costin.

 

Millo Beiler, bekannter Rechtsanwalt in Bukarest.

 

Felix Aderca, geb. als Zeliu Froim Aderca (1891–1962), Journalist und Schriftsteller; Angestellter beim Arbeitsministerium, 1940 Lehrer an einer jüdischen Privatschule und Direktor des Jüdischen Theaters Baraşeum in Bukarest; 1944–1948 Angestellter im Ministerium für Künste; Autor des Romans „Die Unterwasserstädte“ (1936).

 

Ion Biberi (1904–1990), Chirurg und Schriftsteller; schrieb seit den 1930er-Jahren Novellen, Romaneund Lyrik.

 

Haig Acterian (1904–1943), Publizist und Theaterproduzent armen. Herkunft; 1926–1934 zusammen mit Sebastian in der Diskussionsgruppe „Criterion“, Okt. 1940 Direktor des Nationaltheaters, Jan. 1941 Aufrufe zum Putsch der Eisernen Garde, danach zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, 1943 zur Bewährung an die Ostfront geschickt und gefallen.

 

Camil Petrescu (1894–1952), Schriftsteller und Dramaturg; Autor von „Letzte Nacht der Liebe, erste Nacht des Krieges“ (1930); 1947 Mitglied der Rumänischen Akademie.

 

Marietta Sadova (1897–1981), Schauspielerin; 1933 als Ehefrau von Acterian im Criterion-Kreis, seit 1940 engagiert für die Eiserne Garde, März bis Juli 1941 wegen Unterstützung des Putschversuchs in Haft, danach wieder auf der Bühne; 1959 verhaftet wegen Verbreitung ausländischer Literatur, lehrte dann an der Schauspielschule.

 

Şerban Coiculescu (1902–1988), Literaturkritiker; 1924–1946 Gymnasiallehrer.

 

Vladimir Streinu (1902–1970), Schriftsteller und Literaturkritiker; 1926–1934 mit Sebastian in der Criterion-Gruppe; 1947 Dozent in Jassy, 1955 Gefängnisstrafe, 1962 amnestiert, 1969 rehabilitiert.

 

Tagebucheintrag

 

Mittwoch, 29. Januar


Heute wurden die offiziellen Zahlen der toten Zivilisten bekannt gegeben. Es sind etwas mehr als 300, ohne dass man erfährt, wie viele davon Legionäre, wie viele Juden sind. Die Zahl kommt mir zu niedrig vor. Man spricht immer noch von über 6000 toten Juden. Vielleicht lässt sich die genaue Zahl gar nicht feststellen, vielleicht werden wir sie nie kennen. Eine große Zahl von Juden wurde im Wald von Băneasa ermordet und dort nackt liegen gelassen. Andere wiederum wurden, wie es aussieht, im Schlachthaus von Străuleşti hingerichtet. Die einen wie die anderen müssen schrecklich zugerichtet worden sein, bevor sie starben. Den Bruder von Jacques Costin erkannten seine Verwandten im Leichenschauhaus kaum noch wieder. Allein im Kopf hatte er vier klaffende Wunden. Anwalt Beiler war von Kugeln geradezu durchlöchert und hatte überdies die Kehle durchschnitten.
Es gibt Fälle wundersamer Rettung. (Aderca etwa, der mit einer fast komischen Arglosigkeit in ein Legionärsnest in der Burghelea-Straße geraten war, an dessen Tür er als friedlicher, um Auskunft bittender Bürger geklopft hatte! Er wurde am Abend befreit, verprügelt zwar, doch am Leben! Wo andere ja am gleichen Ort und am selben Tag ermordet worden waren.) Der unglaublichste Fall, von dem ich gehört habe, ist der eines Anwalts, Mircea Beiner. Er wurde auf der Straße aufgelesen und nach Baˇneasa gebracht, wo man ihm in den Nacken schoss und ihn „tot“ mitten in der Nacht im Schnee liegen ließ, bis er gegen Morgen in der Kälte erwachte, zwischen Hunderten von Leichen. Nur er und drei andere waren nicht „richtig“ hingerichtet worden. Einfach unfassbar! Biberi aus Turnu Severin zurückgekehrt. Erzählt, die Rebellionstage seien dort so ruhig verlaufen, dass diejenigen, die kein Radio hatten, überhaupt nicht merkten, dass im Land etwas Besonderes vor sich ging. Die dortigen Legionäre ergaben sich sofort, wie zahme Lämmer.

Haig gestern verhaftet. Heute Abend große Hausdurchsuchung bei ihm (wie mir Camil erzählt). Aber ich denke, weder Haig noch Marietta wird etwas geschehen. Revoluzzern ihres Schlages geschieht nie etwas. Ich traf gestern auf der Straße Cioculescu und Streinu. Sie waren mit den Ereignissen sehr zufrieden und ganz ohne Sorge über den weiteren Gang der Dinge. Das kann ich von mir nicht sagen. Ich habe allerlei Zweifel und Vorbehalte. Ich meine, dass es ein Zögern und Zaudern gibt, während die Parteien über die Formel der Versöhnung und die „Erklärung“ verhandeln. Der Unterschied zwi- schen Cioculescu und mir ist, dass er sich ein „wertfreies“ Urteil leisten kann, während für mich mein eigenes Leben auf dem Spiel steht. Ich meine allmählich, dass die „Wertfreiheit“ in großen Krisensituationen nicht die beste Perspektive für das Verständnis der Dinge bietet.