Dok. 13-066
Béla Weichherz schildert im Frühjahr 1942 in seinem letzten Tagebucheintrag die Deportationen aus der Slowakei und die Angst seiner Familie

Seitdem ich aus Bratislava zurückgekehrt bin, werde ich bald das vierte Mal

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Béla Weichherz (*1892), Vertreter bei der Firma Philips; wurde am 6.6.1942 von Žilina nach Lublin/Majdanek deportiert und kam dort um.

 

 

[…]

Seitdem ich aus Bratislava zurückgekehrt bin, werde ich bald das vierte Mal übersiedeln. Wie ich bereits erwähnte, habe ich zuerst im Hotel Reich gewohnt. Am 1. April habe ich meine Stellung bei Rosenfeld verloren, weil sein Bruder sein Geschäft liquidieren mußte, und er nahm ihn statt mir als Reisenden. Ich fand sofort eine neue Anstellung, doch nicht so gut wie die erste. Da ich nun das Hotelzimmer nicht mehr bezahlen konnte, übersiedelte ich zu Gabi ins Mansardenzimmer.

Zum 15. November 1941 wurde denn Gabi die Wohnung gekündigt. Da zog ich zu Jozefin um. Hier hatte ich es sogar besser wie bei Gabi. Nun muß ich aber auch von hier weg, denn auch hier wurde die Wohnung zum 1. April 1942 gekündigt. Wer weiß es, wo wir noch landen werden! […]

Seit dem 15. März 1942 wohne ich bei Kalman – wieder in einem Mansardenzimmer. Es ist sehr klein, aber das Allernotwendigste habe ich. Wir alle haben schon verlernt, Ansprüche zu haben. Heute sind wir froh, daß wir noch 4 Wände und ein Dach über uns haben. Die Judenverfolgung geht weiter: Der bisherige Stern, den wir tragen mußten, war nicht groß genug, da wurden neue, 10 cm große, grellgelbe herausgegeben.

Das wäre aber alles zu ertragen, doch hat auch schon die Deportation begonnen. Zuerst wurden Männer von 16 bis 45 Jahren eingezogen und in einem Barackenlager in Žilina interniert. Dann nahm man diejenigen, welche in Ilava eingesperrt waren, dann alle gestrichenen Ärzte, schließlich eine wahllos zusammengesetzte Liste auch solcher Leute, die Arbeitsbewilligung hatten, über 45 Jahre alt sind, und auch Untaugliche. Unter diesen war auch Artur, doch bekam er einen Nierenanfall und kann zu Hause bleiben, bis er sich erholt. Inzwischen werden auch Frauen zwischen 16 und 35 Jahren genommen. Hauptsächlich Mädchen und kinderlose Frauen. Einige Transporte wurden auch schon abgeschoben. Es sind über den Deportationsort verschiedene Versionen im Umlauf. Eines ist sicher, daß alle Transporte gegen Polen die Grenze verlassen haben. Offiziell wurde bekannt gegeben, daß die bisher eingezogenen Männer und Frauen als Pioniere hinausgehen, um die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung der Slowakei vorzubereiten. Alle Juden, welche die Slowakei verlassen, verlieren ihre Staatszugehörigkeit.

Da ich Arbeitsbewilligung habe und heuer 50 Jahre alt werde, komme ich voraussichtlich nicht in Frage. Da aber Leute oft willkürlich genommen wurden, muß ich ständig in Reisebereitschaft sein. Auch Irenka hat schon alles gepackt, doch ging sie beim ersten Transport nicht mit. Ich wünsche nur eines: daß wir mit Mutti und Kitty gemeinsam gehen können. Esti ist schwach und furchtsam. Sie könnte sich allein nicht helfen. Und Kitty ist zwar für ihr Alter genug kräftig, aber man will doch seinem Kinde in dieser schweren Lage zur Seite stehen.