Dok. 10-038
Der Judenrat im Getto Białystok appelliert am 9. November 1941 an alle Bewohner, Steuern zu zahlen und der Arbeitspflicht nachzukommen

Der Vorsitzer Rabbiner Dr. Rozenman eröffnet die Versammlung und bemerkt, dass

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Dr. Gedaliah Rozenman (1877–1943), Rabbiner; Rabbinerausbildung in Wien; seit 1920 Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Białystok, von Aug. 1941 an Vorsitzender des Judenrats im Getto Białystok; nach Auflösung des Gettos wurde er im Sept. 1943 in das KZ Lublin-Majdanek deportiert.

 

Efraim Barasz (1892–1943), Ingenieur und Geschäftsmann; Studium in Deutschland; während des Ersten Weltkriegs in Russland; von 1934 an in Białystok, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde; von Aug. 1941 an stellv. Leiter des Judenrats im Getto Białystok, zugleich Leiter der Wirtschaftsabt.; wurde im Sept. 1943 zusammen mit seiner Frau Yokheved in das KZ Lublin-Majdanek deportiert.

 

Dov Berl Sobotnik, auch Subotnik (1881–1943); Talmudgelehrter; im Getto Leiter der Finanzabt. des Judenrats; vermutlich mit anderen Mitgliedern des Judenrats im Sept. 1943 nach Lublin deportiert und Anfang Nov. 1943 ermordet.

Protokoll der Allgemeinen Versammlung im Getto Białystok

 

Der Vorsitzer Rabbiner Dr. Rozenman eröffnet die Versammlung und bemerkt, dass – wie schon vor acht Tagen – auch jetzt eine Situation eingetreten ist, die das Getto in große Gefahr bringt. Jetzt hat sich die Arbeiter-Frage verschärft. Anfangs war Białystok als arbeitswillig bekannt. Heute hat sich die Meinung über uns geändert. Die Deutschen meinen, dass die Juden nicht arbeiten wollen, und werten dies als Sabotage. Auch das neue Thema Getto hängt damit zusammen. Wir haben Euch zusammengerufen, damit Ihr dies alles der ganzen Bevölkerung übermittelt. Ing. Barasz wird die Angelegenheit detailliert referieren.

Herr Ingenieur Barasz: Unsere Versammlungen sind kein gutes Zeichen. Wir sind mit dem Thema Kontribution noch nicht fertig – und schon haben wir eine neue Verordnung. Das ist verbunden mit der Frage der Arbeiter. Hinsichtlich der Kontribution haben wir gewisse Erleichterungen erreicht. Die Wohnungssteuern werden in Zukunft niedriger sein. Die Wasserabgabe wurde auf die Hälfte gekürzt. Für Elektrizität gibt es noch keine Entscheidung. Die Arbeiter werden ihren Lohn auf die Hand bekommen, es sind aber auch Zahlungen an eine Bank möglich.

Inzwischen ist plötzlich, wie von hinten herum, eine neue Verordnung aufgetaucht. Es wurde beschlossen, zwei Gettos zu schaffen: insbesondere für Fachleute, die circa 1500 Personen ausmachen dürften, bzw. 6000 Personen zusammen mit ihren Familien. Die Fachleute sollen in eine andere Gegend ziehen, in die Bema-, Mazowiecka-Straße usw. Die Jurowiecka-Straße und alle Straßen, die von dort nach rechts abgehen, sollen an Christen übergeben werden.

Außer den Strapazen der Wohnungssuche und des Umzugs werden sich noch folgende Konsequenzen ergeben:

1. Das Getto verliert seinen besten und größten Teil mit den Krankenhäusern, Schulen usw.

2. Die Juden, die hier bleiben wollen, werden als unnütze Elemente betrachtet, und das birgt Gefahr. Wer weiß, ob all unsere Bemühungen helfen werden, dass die Jurowiecka- Straße doch bei den Fachleutenbleiben soll.
Wie gesagt, ist unsere größte Sorge derzeit die Arbeiterfrage.

Herr Ingenieur Barasz verliest den Brief des Polizeipräsidiums, in dem von Schlägen und sogar der Todesstrafe für das Nichterscheinen zur Arbeit die Rede ist. Ing. Barasz meint, dass das nicht nur Drohungen seien, sondern dass es durchgeführt werde, damit es allen eine Lehre sei. Die Arbeitsfrage ist wohl die schwerste, weil wir keine Ausrede haben, dass wir sagen könnten, wir hätten unter 35 000 Juden keine 4–5000 Arbeiter. Es ist auch unsere Pflicht zu warnen. Ihr müsst uns Gelegenheit geben, Euch zu verteidigen. Gebt diese Warnung an die Bevölkerung weiter!

Herr Subotnik referiert über die Abgaben-Aktion. Von der berechneten Kopfsteuer sind 50% eingetrieben worden.
Wohnungssteuern sind mehr eingegangen, aber die Pro-Kopf-Steuer fließt sehr unbefriedigend. Es gibt sogar Fälle von Agitation gegen das Steuerzahlen, und man brüstet sich gar mit dem Nicht-Zahlen. Darüber vergisst man die Gefahr. Gegen einzelne Zahler müssen weitere Repressalien ergriffen werden.

Richtet denen, die ihre Pflicht erfüllt haben, unseren Dank aus und gleichzeitig der ganzen Bevölkerung unsere Ermahnung, dass es unsere und Eure Pflicht ist, die Steuern abzuführen.

Rabbiner Dr. Rozenman beschließt die Sitzung mit dem Appell, dass jeder seinen Bekannten erklären möge, was passiert, und dass wir den Makel, der auf uns gefallen ist, wieder abwischen müssen. Anstatt den Gottesnamen zu entweihen, sollten wir ihn heiligen.