Dok. 08-291
Gershon Shteynkruk beschreibt am 15. 10. 1944, wie er und seine Familie von einer Polin aufgenommen wurden, nachdem sie fast zwei Jahre im Wald gelebt hatten

Mein Lebenslauf vom Getto bis zur Befreiung

  • Orte
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Mein Lebenslauf vom Getto bis zur Befreiung

Ich wurde 1907 in der Kleinstadt […] geboren, die zwischen Pinsk und Kovel liegt. 1932 habe ich mich in Kovel niedergelassen und von dort eine Frau genommen, aus der Familie Zats. Mein Name ist Gershon Shteynkruk. Von 1932 bis 1936 war ich Leiter zweier Kinos in Kovel.

Kurze Zeit nach dem 5. Juni 1942, als das erste Pogrom stattfand, bei dem 9860 Juden starben und die restlichen Juden in ein zweites Getto gesperrt wurden, in dem auch ich mit meiner Familie war, gab es ein zweites Pogrom, vor dem ich mit meiner Familie in den Wald floh. 21 Monate lang hielten wir uns im Wald auf. Die letzten Monate waren gefährlich. Man litt unbeschreiblich und unsäglich. Ich beschloss dann, einen Ort zu finden, wo man sich vor der Kälte schützen konnte. Ich lief umher und suchte ergebnislos.

Einmal kam ich an einem kleinen Haus vorbei, das nicht weit vom Wald entfernt stand. Ich sah durchs Fenster und sah drinnen eine alte Frau sitzen. Ich klopfte ans Fenster, und sie ließ mich hinein. Sie gab mir zu essen, und ich erzählte ihr von meinem Elend. Dass wir vier Menschen, Juden, im Wald leben, darunter meine Frau und mein siebenjähriges Kind. Sie sagte mir daraufhin: „Den Dachboden könnt ihr gerne haben, aber was soll ich euch zu essen geben? Ich bin doch arm. Ich habe selbst nichts zu essen. Ich besitze 150 Kilo Kartoffeln, zwei Kilo Bohnen und acht Gläser Salz. Ich habe mein ganzes Leben lang gelitten, und daher verstehe ich euch. Wir werden das aufessen, was da ist, und danach werde ich betteln gehen. Um Menschenleben zu retten, muss man alles tun. Um mein Leben ist mir nicht bange. Ich bin 67 Jahre alt. Ich heiße Aleksandra Cyrkowa und bin eine Polin. Vielleicht wird Gott helfen.“ Und sie forderte uns auf zu kommen und behielt uns sechs Monate bei sich.

Nach zwei Monaten tauchten auch zwei jüdische Jungen auf. Einer war ungefähr 19, der andere zwölf Jahre alt. Sie kamen auch aus Kovel, es waren Brüder. Die nahm sie ebenfalls auf. Sie aß mit uns, und sie hungerte mit uns. Sie litt, was kein Mensch hätte erleiden wollen. Wir mussten leiden, weil wir Juden waren, sie aber litt, weil sie ein gutes Herz hat.

Jetzt fährt diese Frau nach Polen. Ich bleibe in Sowjet-Russland. Und wenn irgendein jüdisches Hilfskomitee auf sie aufmerksam wird oder sie findet, dann bitte ich darum, dieser alten Frau zu helfen, weil sie sechs Menschen vor dem Tode gerettet hat.

Zum Zeichen schicke ich hier mein Bild vom 15. 10. 1944.