Dok. 08-152
Der Schüler Roman Kravčenko aus Kremenec (Krzemieniec) beobachtet im August 1942, wie die Juden aus dem Getto zur Erschiessung abgeholt werden

Es begann heute Nacht. Bereits gestern Abend

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Roman Kravčenko-Berežnoj (1926–2011),Schüler, später Geologe; 1944 Eintritt in die Rote Armee als Soldat in der 356. Schützendivision der 61. Armee; 1945–1950 Militärdolmetscher in Deutschland, arbeitete anschließend im Bergbau, bis 1955 Studium der Geologie in Lemberg, danach Mitarbeiter der Kol’sker Physikalischen Akademie der Wissenschaften.

Handschriftl. Tagebuch

 

[...]

9. August

Morgens.

[...]

Es begann heute Nacht. Bereits gestern Abend waren Gruppen von Milizionären in der Stadt unterwegs, sie wurden aus dem gesamten Umkreis zusammengezogen. Das Getto wurde vollständig umzingelt.

Um etwa zwei Uhr nachts begann ein furchtbares Geschrei, unmittelbar danach fielen Schüsse, die Deutschen gingen mit Revolvern (Nagant) vor. Die ganze Nacht hindurch wurden die Leute mit Lkw, jenen mit den hohen Bretterverschlägen, abtransportiert und in Gruppen aus der Stadt herausgefahren. Es heißt, sie sind nach Belokrinica gebracht worden.

Ich bin gegen fünf Uhr aufgewacht und habe bis sieben Uhr Revolverschüsse gehört, mal ganze Salven, dann wieder vereinzelte Schüsse. Ich werde später mehr schreiben, sobald es weitere Informationen gibt.

Abends.

In der Stadt wurde so etwas wie ein Ausnahmezustand verhängt, man darf sich nur bis sechs Uhr draußen aufhalten. Tagsüber war ich in der Stadt. Die größte Straße, die Širokaja- Straße/Ritterstraße, die an das Getto angrenzt, darf man nicht betreten; die Straße ist voller Milizionäre, und sie schießen auf jeden Juden, der so dumm ist, sich am Fenster zu zeigen oder gar auf die Straße zu gehen. Das Tor zum Getto ist weit geöffnet, die Širokaja-Straße ist hell erleuchtet, es ist sehr still, und vor Anspannung vibriert förmlich die Luft.

Unterschiedliche Quellen besagen, dass heute Morgen etwa 1500 Personen, vor allem Angehörige der Intelligenz, Ärzte, Ingenieure und Handwerker, abtransportiert wurden. Offensichtlich sind diejenigen abgeholt worden, die nicht erschossen werden sollen. Es heißt, die Juden seien bewaffnet und hätten zurückgeschossen, angeblich ist sogar ein Gendarm getötet worden. Sollte das stimmen (was ich jedoch stark bezweifle), wäre es bedauerlich, dass es nur einen getroffen hat. Im Laufe des Tages hatte das Schießen nachgelassen, doch nun ist es wieder stärker geworden; mal sehen, was die Nacht bringt. Diese Dreckskerle besitzen die Frechheit, sich Christen zu nennen, ihre Gürtelschnallen tragen sogar die Aufschrift „Gott mit uns“! Wenn es tatsächlich einen Gott gibt – wozu ist der gut, wenn er sich das alles in Ruhe anschaut?

Ich sitze auf meiner Haustreppe, ein Maschinengewehr ist zu hören. Was machen diese Leute durch, zum Tode verdammt, in den Ecken ihrer Häuser versteckt! Die Stille ist fürchterlich, das Knallen der Revolver, Maschinengewehrsalven und die schweren Gewehrstöße der Schutzmannschaften sind deutlich zu hören. [...]

Ich gehe jetzt schlafen. Ich werde das Tagebuch unter mein Kissen legen, vielleicht schreibe ich nachts weiter, wenn etwas Interessantes passiert, ich möchte nichts auslassen.

Vielleicht werden meine Aufzeichnungen irgendwann einmal als Beweismaterial dienen, wenn diese Ungeheuer mitsamt ihrem Führer, Hitler, dem „Befreier“, vor Gericht stehen.

 

11. August

Der letzte Akt der Gewalt gegen die Juden in unserer Stadt steht unmittelbar bevor. Ich beschreibe erst heute die gestrigen Ereignisse, gestern hatte ich nicht die Kraft dazu.

Dass die Juden sich zusammengeschlossen haben und verteidigen, hat sich als Märchen erwiesen, die Wesensart hat triumphiert – sie verhielten sich wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden. Gestern sind etwa 5000 Menschen erschossen worden.

Am Stadtrand gibt es einen alten Schützengraben, etwa einen Kilometer lang, ein jakutisches Regiment, das in unserer Stadt stationiert war, hat ihn angelegt – dort fanden die Exekutionen statt. Der Abtransport der Juden aus dem Getto begann um etwa drei Uhr nachts und dauerte bis tief in die Nacht. Es war ein furchtbarer Anblick! Das Gettotor wurde weit geöffnet, dahinter stand, in Zweierreihen, die Kolonne der Verdammten.

Ein Wagen fährt vor, die Kolonne setzt sich in Bewegung – die ersten Paare legen sich auf die Ladefläche des Lkw, die Nachfolgenden auf sie drauf, und so weitere, mehrere Schichten. Es ist vollkommen still, kein Sprechen, kein Schreien, kein Weinen. Betrunkene Milizionäre schlagen mit ihren Gewehrkolben auf jene ein, die zurückweichen, aber auch auf diejenigen auf der Ladefläche. Der Lkw fährt los, beschleunigt und rast aus der Stadt. Ihm entgegen kommen genau die gleichen Lkw mit den Bretterverschlägen, aber diese sind vollbeladen mit Kleidungsstücken, obenauf sitzt ein Milizionär, der sichtlich erheitert mit dem Regenschirm einer Frau spielt. Er ist nicht umsonst so zufrieden, hat er doch eine Tasche voller Uhren, fünf Paar Füllfederhalter in der anderen, und mehrere Anzüge sowie eine Pelzjacke hat er unterwegs an einem sicheren Platz abgeladen. Außerdem hat er sicher mindestens einen Liter getrunken. Der Lkw rast aus der Stadt hinaus, mit vier Milizionären, jeder in einer Ecke, deren einziger Zweck es ist, zu fluchen und mit ihren Gewehrkolben auf die Leute einzuschlagen, die auf der Ladefläche liegen. Am Zielort angekommen, hält der Lkw an; die zum Tode Verdammten steigen aus, ziehen sich an Ort und Stelle aus, Männer und Frauen, und gehen einer nach dem anderen zum Graben. Der Graben ist bereits mit Leichen gefüllt, die mit Chlorkalk bestreut sind. Auf dem Wall sitzen zwei Gestapomänner mit nacktem Oberkörper und Pistolen in der Hand. Die Leute steigen in den Graben, legen sich auf die Leichen, man hört Schüsse. Fertig. Nächster! Ich weiß nicht, was ein Mensch in seiner letzten Minute fühlt, und ich möchte auch gar nicht darüber nachdenken – da wird man ja verrückt!

Es gab einige, die versuchten, sich zu wehren; sie weigerten sich, sich auszuziehen, oder wollten nicht in den Graben steigen. Sie wurden an Ort und Stelle getötet und in den Graben geworfen. Wenn der voll ist, schütten Milizionäre ihn mit Erde zu, und die Kolonne bewegt sich auf den nächsten zu, es ist Platz für alle da!

Dann ist da einer, schon vollkommen entkleidet rennt er davon, aufs freie Feld hinaus. Grinsend laufen ihm Gestapomänner nach. Er ist schon 200 Meter entfernt, doch dann zielen die Gestapomänner in aller Ruhe und beginnen auf ihn zu schießen. Ein paar Minuten später werfen sie auch ihn in den Graben. Man sah auch einen Mann, der an einem Stück Brot kaute, während er auf dem Weg zum Graben war.

Die Milizionäre, die einzigen unmittelbar Beteiligten, waren nach ein paar Minuten nüchtern, da erhielten sie eine weitere Dosis Alkohol, und nun schießen sie wieder auf menschliche Gestalten – bis zum nächsten Schluck Alkohol. Die Gestapo braucht keine Ablenkung, für sie ist das nicht das erste Mal: An den Gruben von Rowno warfen sie Granaten auf Leute, die noch am Leben waren, und sie sahen, wie sich die Erde über den Leichen und Sterbenden bewegte, das machte ihnen nichts aus. Sie schossen auf endlose Reihen von Menschen, die an den Gruben von Kiew standen. Und schließlich, während des Pogroms in Dubno, versammelten sie alle Facharbeiter und boten ihnen an, jeweils eines ihrer Kinder mitzunehmen – und wurden ärgerlich und wütend, als die Unglücklichen sich weigerten zu arbeiten und darum baten, mit ihren Familien erschossen zu werden.

Ein Auto nach dem anderen fährt ab, es ist nun schon Abend, und die Wagen sind nicht mehr so voll, auf den Ladeflächen sitzen ältere und junge Frauen, Kinder. Eine der Frauen lächelt abwesend, eine andere zupft ihr Kopftuch zurecht. Ihr alle werdet in zehn Minuten umgebracht, versteht das doch, wehrt euch! Nein. Die Leute waren wie gelähmt, wollten, dass alles nur schnell vorbei ist, so schnell wie möglich. Das ist wohl das Ergebnis von Hunger und Schlägen.

Da ist Arek Z., ein guter Bekannter von mir. Er sitzt am Rand, den Kopf gesenkt. Von der Ladefläche herab blickt er auf das Straßenpflaster,wie es unter den Rädern vorbeizieht. Jeder einzelne Pflasterstein bringt ihn näher ans Ziel, näher an das Ende seines Lebens, eines noch ungelebten Lebens. Sein Gesichtsausdruck hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen; ich kann das Gesicht eines Menschen nicht vergessen, der weiß, dass er in ein paar Minuten tot sein wird, dass in einer Stunde sein Körper von Chlorkalk zerfressen und von einer weiteren Schicht lebloser Körper bedeckt sein wird. Oh! Man müsste selbst in der Lage dieser Menschen sein, um nachfühlen zu können, was sie fühlten, zumindest diejenigen unter ihnen, die noch in der Lage waren, zu denken und zu fühlen.

Die 1500 Personen, die vorgestern nach Belokrinica abtransportiert worden sind, wurden auch erschossen. Sie wurden erschossen, weil sie versuchten, Bedingungen zu stellen. Man stelle sich vor, den Vertretern der höheren Rasse Bedingungen stellen! Ihnen wurde angeboten, heute wie üblich um sieben Uhr zur Arbeit abgeholt zu werden, doch sie entgegneten, dass sie nur arbeiten würden, wenn ihre Familien zu ihnen zurückkehren dürften. Dieses „wenn“ hat sie umgebracht. Gerüchten zufolge sind nur noch die am Leben, die zur Arbeit gegangen sind – etwas 250 Leute.

Das Grauen nähert sich dem Ende. Man darf noch immer nicht die Širokaja-Straße betreten, noch immer sind Schüsse zu hören, und vereinzelt fahren Lkw in Richtung Stadtrand. Das sind die Letzten, die abtransportiert und erschossen werden, diejenigen, die sich in Kellern versteckt hatten, um ihr Leben zu retten. Sie werden nach und nach aufgespürt, und das Einzige, was sie gewonnen haben, ist, dass ihre Körper obenauf liegen werden.

Das Getto wird zurzeit in schlimmster Weise geplündert; Milizionäre plündern, und unter ihrer Schirmherrschaft plündern alle, die sich nicht zu schade dafür sind. In wenigen Tagen wird das Getto zerstört sein, und in wenigen Monaten wird der Ort, wo einmal 7000 Menschen gelebt und gebangt haben, dem Erdboden gleich sein.

Gestern wurden die Juden von Berežec „liquidiert“. Heute ist die Gestapo in Richtung Počaev und Višnevec abgefahren. Dort geschieht heute das, was hier gestern passiert ist. Es heißt, dass die Juden in Višnevec sich wehren. Ich habe da meine Zweifel, Gleiches wurde auch über Kremenec gesagt.