Dok. 08-109
Der Soldat Stefan Hampel desertiert im Mai 1942, nachdem er die Ermordung der 2000 Juden von Wasiliszki beobachtet hat

Im Mai 1942 hatte ich von meiner Truppe einen Urlaub nach Grodno, Lida und Wilna erhalten zwecks

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Stefan Hampel (1918–1998), 1938 Beginn eines Studiums an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, 1939/40 in Untersuchungshaft wegen Kritik am deutschen Überfall auf Polen, nach der Entlassung Arbeit bei der Reichsbahn, dann zur Wehrmacht eingezogen; Ende Mai 1942 Desertion, im Mai 1943 beim Fluchtversuch in die Schweiz gefasst, zum Tode verurteilt, im Juli 1944 zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt, in das Bewährungsbataillon 500 verlegt, im Febr. 1945 sowjet. Kriegsgefangenschaft, aus der er im Juni 1945 flüchtete; nach 1945 zunächst in der SBZ/DDR, von 1951 an in der Bundesrepublik.

Handschriftl. Lebenslauf aufgeschrieben im Wehrmachtsgefängnis Freiburg

 

Im Mai 1942 hatte ich von meiner Truppe einen Urlaub nach Grodno, Lida und Wilna erhalten zwecks Nachforschung nach dem Verbleib meiner Mutter und zur Klärung meiner Vermögenslage. Meine Mutter, zuletzt wohnhaft in Grodno, Bahnhofstr. 52, im eigenen Haus, ist nach Aussage aller Miteinwohner und sonstiger Bekannten während der Bolschewistenzeit spurlos verschwunden, wahrscheinlich verschleppt. Die Wohnung ist seitdem von bolschewistischen Offizieren als Amtsquartier benutzt und später aufgelöst worden. Ich veranlaßte jedoch eine polizeiliche Haussuchung und fand dann bei den Hausbewohnern noch verschiedene Gegenstände, welche meiner Mutter gehörten, darunter den Pelz, welchen ich später für 2000 RM verkaufte. [...]

– Auf diesem Urlaub hatte ich auch das Erlebnis, welches dann den mittelbaren Anlaß zu meiner Tat gab. Voriges Jahr im Mai wurde in Weißrußland eine Aktion durchgeführt, wobei durch ein Mordkommando (wie sich die Angehörigen dieses Kommandos selbst benannten), bestehend aus Polizei und S. S., alle dort lebenden Juden abgemordet wurden. Um den ungeheueren seelischen Eindruck, den dieses Erlebnis bei mir hinterließ, verständlich zu machen, möchte ich hier kurz schildern, wie diese Aktion vor sich ging.

Am Vormittag traf das Kommando auf Lastwagen und Krafträdern in Wassiliski ein, bereits aus einer anderen Stadt kommend, wo sie am frühen Morgen bereits alle dort lebenden Juden abgeschossen hatten. In Wassiliski war das Ghetto bereits seit einigen Tagen hermetisch gesperrt und auf einem freien Platz ein Riesengrab geschaufelt. Im Ghetto wurden nun alle Juden auf der Hauptstraße zusammengetrieben, wo sie sich in Kolonnen familienweise niederknien mußten. Dann wurden sie durch einen dichten Kordon Polizisten bis kurz vor das Massengrab gejagt. Wer nicht schnell genug wollte, besonders alte Frauen und Kinder, wurde bereits auf diesem Wege abgeschossen. Die Straße war nachher übersät mit diesen Leichen. Vor dem Massengrab angekommen, mußten sich die 2000 Juden dann auf den Bauch legen. Familienweise mußten sie dann aufstehen und passierten dann eine Kommission, bestehend aus Herren der Zivilverwaltung, welche ihnen Geld, Schmuckstücke usw. abnahm und sie dann mit der Lederpeitsche weiterjagte. Dann mußten sie sich bis auf das Hemd entkleiden und in das Grab hineinsteigen. Besonders entsetzlich wirkte es auf mich, weil das alles schweigend vor sich ging. Die Juden waren so benommen, daß sie schweigend, sich fest umschlungen haltend, ins Grab stiegen, manche Kinder lachend wie im Spiel, sie begriffen nicht, worum es ging, bis sie auch mit einem Fußtritt hinabbefördert wurden. Viele Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust. Ein Polizist des Mordkommandos erlitt, obwohl er doch solche Bilder schon gewöhnt sein mußte, einen Nervenzusammenbruch und wurde schreiend fortgeschafft. Dieses Erlebnis machte auf mich einen besonders tiefen Eindruck, weil ich immer daran denken mußte, was die Russen mit den Angehörigen deutscher Soldaten machen werden, wenn sie erfahren, was wir mit ihren Staatsangehörigen gemacht haben.

Zwar bin ich als Deutscher und Ehrenzeichenträger der Hitlerjugend überzeugt, daß das Judenproblem irgendwie gelöst werden muß, aber diese Form der Ausrottung traf mich aus obigem Grunde besonders hart. Monatelang noch stand ich unter dem Bann des Erlebten. Als ich einige Wochen später von meiner Truppe dem Felders. Battl. 78/IV einen zweitägigen Sonderurlaub erhielt, begab ich mich nach Grodno zu meinem mütterlichen Haus, um noch einmal an der Stätte zu weilen, an der meine von mir sehr geliebte Mutter zuletzt vor ihrem Verschwinden gelebt hatte. Am Tage vor Urlaubsantritt hatte ich noch eine kameradschaftliche Aussprache über alles, was mich bedrückte, mit dem Kompanieführer meiner Kompanie. Er konnte mir auch nur sagen, daß mit solchen Dingen jeder mit sich selbst fertig werden muß. Als ich dann in Grodno war, überfiel mich wieder mit aller Macht die Sorge und Angst um meine Mutter, die Erinnerung an das schreckliche Erlebnis in Weißrußland und die Scham, daß wir, das kulturellste Volk der Welt, und eine so ehrenvolle Armee, wie die deutsche es doch ist, so entsetzliche Mittel anwenden müssen, um ein politisches Problem zu lösen. Ganz verwirrt und innerlich gebrochen entschloß ich mich, vorläufig nicht zur Truppe zurückzukehren. Ich vernichtete die Uniform, verkaufte den Pelz meiner Mutter in einem Grodnoer Kommissionsgeschäft für 2000 Mk und hielt mich nun von meinem Gelde lebend im Ostgebiet auf.