Dok. 08-103
Hilel Margulis organisiert im Mai 1942 nach seiner Flucht aus dem Getto Raduń das Überleben

Seit heute Morgen haben Gendarmen das Getto eingekreist

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Hilel (llek) Margulis (gest. 1945), Arzt; 1939 Flucht aus Warschau in den sowjet. besetzten Teil Polens, von 1941 an im Getto Raduń, schloss sich nach seiner Flucht aus dem Getto im Mai 1942 sowjet. Partisanen an, Eintritt in die KPdSU; nach der Befreiung zum Leiter eines Krankenhauses ernannt, im Febr. 1945 von einem Angehörigen der Armia Krajowa erschossen.

 

Handschriftliches Tagebuch von Hilel (llek) Margulis,

Einträge vom 8. bis 10.5.42

 

Freitag, 8.5.

10 Uhr. Seit heute Morgen haben Gendarmen das Getto eingekreist. Die Polizei hält bei den Gärten Wache. Es ist schlimm. Der Kommandant der Judenpolizei und ein Teil der jüdischen Polizisten sind geflohen. Ich habe meinen Rucksack gepackt und habe den Eindruck, dass das der Anfang vom Ende ist.

3 Uhr. Die Situation ist vorerst unverändert. Gendarmen und Polizisten bewachen unseren Stadtteil. Offenbar warten sie auf irgendwen aus Lida oder Werenowo. Ein Kind hat eine Nachricht überbracht – ein Gendarm soll gesagt haben, es werde lediglich eine Kontrolle geben. Ich glaube das nicht. Ich bin für die Flucht fertig angezogen und habe alle Papiere bei mir. Wir müssen unbedingt abhauen. Heute Nacht habe ich von ihr geträumt. Wo bist Du jetzt, Njuta?! Es sieht so aus, als würden wir uns nicht wiedersehen…???

 

Samstag, 9.5.

10 Uhr 30. Sind gestern um 1 Uhr 30 geflohen. Der Onkel ist dageblieben, er wollte nicht weggehen. Wir sind durch das Fenster raus und durch die Gärten nach Możejki. Schreibe diese Zeilen mitten in einem Erlenbruch, 4 km von Raduń entfernt. Wunderschönes Maiwetter, ich sitze auf einem Stein – denn der Boden ist sumpfig –, rundherum ist es grün, die Lerchen singen über mir, aber von Raduń her sind gelegentlich Gewehrschüsse zu hören. Wir haben von Tagesanbruch bis jetzt in einer Scheune gelegen, doch die Bauern haben sich in die Haare bekommen, und wir mussten uns in die Büsche schlagen. Ich werde allein weiter müssen. Alles mit dem Gedanken an Dich, Njuta!

 

Sonntag, 10.5.

7 Uhr. Hatte eine fürstliche Bleibe in Nosowicze. Flaks hat uns dort untergebracht, er ist ein lieber Mensch. Wir – die Jungs und ich – schlafen im Zimmer des Hausherrn, auf einem schönen Lager. Gestern haben sie uns ein warmes Abendessen aufgetischt – seit Tagen das erste Mal etwas Warmes. Die Nachrichten aus Raduń sind schlecht. Gestern haben sie begonnen, Gräben auszuheben. In Lida haben sie anscheinend 5300 Menschen umgebracht, dabei aber 700 Facharbeiter verschont. Wir werden auf Nachrichten aus Raduń warten.

11 Uhr. Wir sitzen in einem Kiefernwäldchen hinter Nosowicze. Es ist kalt, aber sonnig. Heute Morgen haben sie in Raduń eine Gruppe von Männern mitgenommen, um beim jüdischen Friedhof Gruben auszuheben. Auf ein verabredetes Zeichen hin sind alle auseinandergerannt. Einige wurden verletzt oder umgebracht, aber die meisten konnten fliehen.