Dok. 06-269
Viktor Slatkes beschreibt in seinem Tagebuch am 10. und 11. März 1942 den Hunger und den harten Alltag im Arbeitskommando Kladno

Nach elf faulen Tagen trat ich Sonntagabend wieder zur Arbeit an. Ich hatte

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  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Viktor Slatkes (1911–1944), Versicherungsbeamter; am 4.12.1941 von Prag nach Theresienstadt deportiert, arbeitete außerhalb des Gettos – zuerst in der Grube Mayrau in Vinařice bei Kladno (die sog.Mayrovka), später beim Bau der Bahn von Bohušovice ins Getto Theresienstadt; im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dann ermordet.

 

Tagebucheintrag vom 10.3.1942

 

Nach elf faulen Tagen trat ich Sonntagabend wieder zur Arbeit an. Ich hatte ein wenig Angst. Die Jungs arbeiten bereits seit zwei Wochen ohne Pause, und ich werde ihnen nachhinken; ich bin kein starker Mann, werde ich die schwere und anstrengende Arbeit überhaupt aushalten?

Die Nachtschicht: Als ich am Fahrstuhl stehe, erscheint ein mir unbekannter Bergmann und sagt: „Greif in meine Tasche und nimm!“ Er hatte da etwas in Zeitungspapier eingewickelt. Unten habe ich festgestellt, dass es zwei mit Fett bestrichene Brotscheiben waren. So sind die Bergleute! Deswegen fühlen wir uns unter ihnen wie Menschen.

In dieser Nacht lud ich drei Wagen Kohle auf. Ein solcher Wagen macht einen kleinen Eindruck, aber beim Beladen scheint er bodenlos zu sein. Ich hatte nur ein Unterhemd, Hose und Schuhe an, aber der Schweiß floss in Strömen an mir herunter und lief mir in die Augen. Eine schwere Arbeit, gefährlich und schlecht bezahlt. Wir erhalten überhaupt keinen Lohn. Aber ich würde es gerne hier aushalten, ich möchte nicht nach Theresienstadt zurück, doch auch hier beginnt es unangenehm zu werden.

Nachdem wir früh um viertel acht von der Nachschicht zurückkamen, mussten wir schon wieder zur Nachmittagsschicht. Ich habe kaum drei Stunden geschlafen.

Unterdessen eine neue Anordnung: Wir dürfen nur zu bestimmten Zeiten in die Küche zum Essen, hinausgehen dürfen wir gar nicht, weder um Wasser zu holen, noch um es hinaus zu schaffen. Zwischen 13 und 14 Uhr soll jemand nach Kladno, um für uns Fleisch von der Notschlachtung zu holen. Unser Wachdienst ruft im Betrieb an, dort weist man darauf hin, dass es in die Zuständigkeit des Wirtes fällt, dieser hat jedoch weder ein Gefährt noch Leute. Bekommen wir also nicht einmal das Fleisch von der Notschlachtung!?

Wir sind Sklaven. Wir dürfen den kalten Saal nicht verlassen, haben nichts zu lesen, wir schlafen nicht aus.

Ob ich das alles körperlich und seelisch verkrafte? Wäre es nicht besser, nicht zu sein? Nur die Erinnerung an Mama und Anička lässt mich durchhalten. Anička! Ob sie jetzt so viel an mich denkt wie ich an sie? Ich habe hier nicht einmal ein Bild von ihr, ich kann mit niemandem über sie reden, es wäre auch nicht ratsam, ich weiß nicht, was sie macht, wie es ihr geht und wann ich sie sehen werde.

Warum das Ganze? Warum all die Kränkungen, so viel Böses, der ganze Hass und das Unglück? Wann wird das alles aufhören?