Dok. 05-179
Der Internierte Mordchai Max Epstein bittet am 4. Januar 1942 den Sekretär der Vereinigung der Juden in Belgien um die Zusendung von Geld oder Lebensmitteln

Lieber Herr Benediktus! Ich erlaube mir mit Heutigem

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  • 1942

Vermutlich Mordchai Max Epstein, evtl. auch Morduch Epsztejn, (*1907), Mechaniker; emigrierte aus Polen nach Belgien, weiterer Verbleib unbekannt.

 

Maurice Benedictus (*1907), Zigarrenfabrikant; 1941 von den deutschen Behörden zum Vizepräsidenten der VJB (Vereinigung der Juden in Belgien) ernannt und Leiter der Verwaltung, Sept. 1942 kurzzeitig verhaftet, 1943 Flucht nach Portugal; kämpfte anschließend als Kriegsfreiwilliger auf Seiten der Alliierten bei der belg. Kolonialarmee Force Publique in Afrika; im Sept. 1945 Rückkehr nach Belgien, wanderte 1953 nach Südafrika aus. 

Handschriftl. Schreiben von Mordchai Max Epstein, Tournai/Doornik, an Maurice Benedictus

 

Lieber Herr Benediktus!

Ich erlaube mir mit Heutigem, Ihnen wieder einige Briefzeilen zu zusenden. Ich hoffe von Herzen, daß Sie sich nebst Ihrer Familie voller Gesundheit erfreuen, was ich im Allgemeinen auch von mir berichten kann. Jedoch habe ich tagtäglich einen schrecklichen und bitteren Hunger, daß ich es vor Hunger einfach nicht mehr aushalten kann, und selbst des Nachts vor Hunger nicht mehr schlafen kann. Ich bitte Sie daher herzlichst und innigst, mir nochmals zu helfen und mir etwas hierher zu schicken, damit ich mir hier etwas in unserer Kantine etwas Lebensmittel oder Obst u.s.w. kaufen kann; damit ich meinen bitteren Hunger wieder einige Male etwas stillen kann. Überflüssig zu erwähnen, daß die Nahrung, die man hier empfängt – es handelt sich nur noch um dünne Suppen und unsere Tagesbrotration von 225 gr., sonst nichts anderes – völlig ungenügend und unzureichend ist, als daß ein erwachsener Mensch auf die Dauer damit bestehn könnte. Es ist daher durchaus kein Wunder, daß ich schon stark unterernährt bin. […]

Die Tränen, die ich hier schon vor Hunger geweint habe, können Sie sich, hochverehrter Herr Benediktus, kaum vorstellen. Da ich schon seit Juni 1939 ununterbrochen bis jetzt interniert bin – ich war im Sommer 1939 etwa zwei Monate im Antwerpener Gefängnis eingesperrt, und dann hat man mich hierher geschickt – und wahrscheinlich bis Kriegsende leider hier bleiben muß, so ist meine Lage umso verzweifelter und unglücklicher. Seit einigen Jahren aus Deutschland als Jude vertrieben – daher staatenlos und heimatlos – und von einem Lande zum andern gejagt, bin ich hier in diesem Staatsasyl schließlich interniert worden. Meine sehr unglückliche Situation kann ich nur etwas verbessern, wenn ich mir ab und zu etwas in unserer Kantine etwas zu essen kaufen könnte. Dazu gehört aber etwas Geld – und dies habe ich leider aber seit langem nicht mehr. Eingedenk Ihrer zahlreichen Liebestaten, die Sie mir schon erwiesen haben, und für dieselben ich heute erneut Anlaß nehme, Ihnen meinen herzlichsten und innigsten Dank auszusprechen, flehe ich Sie heute erneut an, meiner hier nochmals zu gedenken, und mich nicht im Stiche zu lassen und mir nochmals zu helfen.

[…]

Für heute schließe ich meinen Brief, und bitte Sie, meine herzlichsten und innigsten Grüße entgegenzunehmen von

Ihrem stets dankbaren und ergebenen

Mordchai Max Epstein, Doornik […]