Dok. 05-115
Felix Hermann Oestreicher schildert am 17. Februar 1942 in einem Brief an seine Kinder die angespannte Situation in der Familie

Seitdem wir aus Katwyk weg sind, fühlen wir

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Dr. Felix Hermann Oestreicher (1894–1945), Arzt; 1914–1919 Sanitätsoffizier im österr. Heer, 1919–1938 Badearzt in Karlsbad, verheiratet mit der Tochter des niederländ. Arztes Ernst Laqueur; 1938 mit der Familie Übersiedlung in die Niederlande, 1943 Deportation nach Westerbork, 1944 nach Bergen-Belsen und 1945 in ein KZ im Osten; starb kurz nach der Befreiung bei Leipzig an Flecktyphus.

 

Dr. Beate Oestreicher (1934–1997), Biochemikerin; 1943 zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester Maria nach Westerbork deportiert, 1944 nach Bergen-Belsen und 1945 weiter in Richtung Osten; kehrte zusammen mit ihrer Schwester 1945 nach Amsterdam zurück, 1964–1997 als Wissenschaftlerin in den USA und den Niederlanden tätig, aktiv in der Friedensbewegung.

 

Henriette (Helli) Oestreicher (*1936), bildende Künstlerin; bei der Verhaftung der Familie 1943 ins Krankenhaus eingeliefert, dort von Widerstandsgruppen gerettet und bei einer Bauernfamilie untergebracht; nach 1945 Besuch der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam.

 

Maria Oestreicher verh. Goudsblum-Oestreicher (*1936), Psychologin und Schriftstellerin; Zwillingsschwester von Henriette Oestreicher; teilte 1943–1945 das Schicksal ihrer Schwester Beate; später als Psychologin in Amsterdam tätig, Herausgeberin des Tagebuchs ihres Vaters.

 

Gerda Margarethe Oestreicher, geb. Laqueur (1906–1945); 1943 Deportation zusammen mit ihrem Mann; starb wie er kurz nach der Befreiung bei Leipzig an Flecktyphus.

 

Dr. Ernst Laqueur (1880–1947), Arzt und Pharmakologe; Professor in Königsberg, Halle, Groningen, Gent und Amsterdam, von 1932 an niederländ. Staatsbürger, die guten Verbindungen und Verdienste Laqueurs schützten die gesamte Familie lange Zeit vor Repressalien der Besatzungsmacht. 

 

Brief von Dr. Felix Oestreicher, Blaricum (Provinz Nordholland), an seine Kinder Beate, Henriette und Maria Oestreicher

 

Meine Lieben!

[…] Seitdem wir aus Katwyk weg sind, fühlen wir, d.h. Gerda und ich, uns entwurzelt. Mit jedem Tage komme ich mir mehr wie eine Pflanze vor, welche aus dem Boden herausgeholt wurde und nun achtlos beiseite geworfen wird, um zu verdorren. Wir leben auf Abbruch. Nichts lässt man uns mehr. […]

Wir müssen ja dem l. [lieben] Gott und dem Vater Laqueur danken, daß wir vorläufig keine Geldsorgen haben, aber selbst das Verdienen mit gelegentlichen Konsulten, Bridgestunden oder Kursus für erste Hilfe, wie ich ihn geben soll, macht keinen Spaß mehr.

Es hat doch keinen Zweck, sich was zu kaufen, Bücher darf man weder bei der Auswanderung, noch in’s Kamp mitnehmen.

In den letzten Wochen sind in Zaandam, Hilversum und Utrecht plötzlich ohne Grund Emigranten d.h. frühere deutsche und jetzt staatenlose Juden einfach in’s Kamp geschickt worden. Sie dürfen nur mitnehmen, was sie tragen können, das andere wird versiegelt und – wahrscheinlich – wie in Deutschland verkauft. Ich wundere mich über Gerda und Mutter, welche noch über neue Garderobe diskutieren. Im vorigen Herbst (1940) hatte ich zweimal merkwürdige Träume. Irgendwie hatten wir die Absicht, uns das Leben zu nehmen. Weil aber Helli gar so geduldig den Schlauch zum Einatmen packte, hörte ich damit auf. […] Ernstlich habe ich diesen Gedanken nie gehabt. Wohl aber ist das Verhältnis zwischen Gerda und mir manchmal gespannt. […]

Jedenfalls ist Gerda mit den Nerven vollkommen herunter, weint viel. Ich schreie und tobe über jede Kleinigkeit und die Kinder haben schon davon angenommen. […]

Wir überlegen auch, wie wir die Gefahr ins Kamp zu kommen, möglichst hinausziehen können und möglichst viel von unseren Sachen vor dem Zugriff der Deutschen retten können. Mir ist schon alles egal. Bücher sind zum Teil sicher an Bekannte „verkauft“, aber Gerda hängt natürlich an den Möbeln usw. Aber man kann doch nicht alles jetzt schon weggeben und mit zwei Hemden und Anzügen leben. Von mir aus können sie die alten Anzüge haben. Die Niederländer benehmen sich fabelhaft. Es ist auch verwunderlich, daß sie nicht schon längst wegen der ihnen angetanen Dinge revolutionieren. Da zeigt es sich eben, daß der Mensch von Grund aus gut ist und in Frieden leben will. Es ist auch merkwürdig, wie im Zeitalter von Radio und Telephon die Menschen durch Zensur und Angst viele Dinge gar nicht wissen.

Meine Absicht bei der Erhaltung der Kinderberichte ist, daß sie einmal als Andenken an uns und die Kinder veröffentlicht werden können und so Menschen Vergnügen haben und unser Andenken erhalten bleibt, wir nicht ganz umsonst gelebt haben.