Dok. 15-198
Rezső Kemény bittet am 2. Juni 1944 einen Freund, seinen Kindern Geld zukommen zu lassen, falls er von der Deportation nicht heimkehren sollte

Mein lieber Freund!
Seit zwei Tagen befinde ich mich in Gewahrsam

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Dr. Rezső Kemény (1886–1944 oder 1945), Jurist; Rechtsanwalt in Budapest, von 1929 an in Pestszenterzsébet; er wurde vermutlich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.

 

Klára Kemény wurde in Bergen-Belsen ermordet.

 

Miklós Kemény (*1929) wurde in Bergen-Belsen inhaftiert und dort befreit; emigrierte in die USA.

 

Frau Rezső Kemény, geb. Erzsébet Holczer (1895–1944 oder 1945), wurde in Auschwitz ermordet.

Mein lieber Freund!

Seit zwei Tagen befinde ich mich in Gewahrsam einer ansehnlichen Zahl von Polizisten im Getto in der Lazar-Strase 11–13.  So muss ich mich nun wohl zusammen mit meiner Frau auf jene lange Fahrt vorbereiten, von der es wohl kaum eine Rückkehr geben wird. Wir wurden bereits vor zwei Tagen von unseren Kindern (Klara – neunzehn Jahre alt, Miklos – fünfzehn Jahre alt) getrennt.

Ich mochte mich rebus sic stantibus von denjenigen verabschieden, die ich hier in Pestszenterzsebet zu respektieren und lieben gelernt habe. Erlaube mir bitte, über Dich auch diejenigen zu grüssen, die meine Gönner bzw. Freunde waren. Ich habe keine Zeit mehr, sie einzeln anzuschreiben.

Seit 1. Juni 1944 bin ich kaum noch Gerechtigkeit begegnet, und ich glaube, dass ich auch in naher Zukunft mit einer solchen Begegnung nicht mehr rechnen kann.

Ich war und bin, seitdem ich im Getto lebe, vielen menschenunwürdigen Demütigungen ausgesetzt. Denke nicht, lieber Freund, dass ich aus Feigheit nicht zum Revolver greife. Das ist keine Feigheit, sondern eher das Gegenteil. Solange meine Frau am Leben ist, habe ich das Gefuhl, so etwas nicht tun zu können.

Meine Tochter Klara und mein Sohn Miklos sind als Arbeiter in der Ungarischen Wirkwarenfabrik Lehr beschäftigt. Im Moment sind sie noch mit Geld versorgt (ich hatte ihnen mein ganzes Geld gegeben, da wir laut Befehl keinen Heller mitnehmen durften), ich gehe jedoch davon aus, dass, wenn sie am Leben bleiben, die Zeit kommen wird, da sie ein paar Pengő benötigen werden. Diesem Brief lege ich sechs Sparbücher bei, auf denen aus Restgeldern ungefahr 240 Pengő liegen. Ich bitte Dich sehr, diese aufzubewahren und sie ihnen zu übergeben, wenn sie Geld brauchen. Ausserdem lege ich eine von der Ungarischen Allgemeinen Versicherungsgesellschaft ausgestellte Lebensversicherungspolice in Höhe von sechshundert Dollar bei. Wenn Du die Nachricht über meinen Tod erhältst, lass Dir diese Summe für die Kinder ausbezahlen. Im Vertrag ist auch das Kriegsrisiko abgesichert, und im Falle eines Unfalls bezahlt das Unternehmen die doppelte Prämie. Wenn ich mich bis zum 31. Dezember 1944 weder persönlich noch per Brief bei dir gemeldet habe, teile, lieber Freund, der Ersten Ungarischen [Versicherungsgesellschaft] doch mit, dass ich den Beitrag von 102 Pengő aufgrund meiner Deportation ins Ausland nicht einzahlen kann und dass es überhaupt heißt, dass sich der Versicherungsnehmer auf einem anderen Planeten befindet.

Vielleicht werde ich [doch noch einmal] die Möglichkeit haben und Gelegenheit finden, Dir meine Dankbarkeit für Deine mir und meinen Kindern gegenüber an den Tag gelegte Güte zu erweisen. [...]

In freundschaftlicher Liebe