Dok. 14-083
Ein Freiwilliger der italienischen Befreiungsarmee, der Chirurg Bruno Salmoni, freut sich nach dem 27. April 1945 über das Ende von Faschismus und Nationalsozialismus und ist doch enttäuscht

Was ich doch für ein Dummkopf war!!

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Bruno Salmoni (1912–2008), Chirurg; 1938 wegen der Rassengesetze aus der Mitgliederliste des Ärzteverbands gestrichen; nach dem 8.9.1943 auf dem Land versteckt, im Nov. 1944 in Turin verhaftet, im Dez. 1944 aus der Haft entlassen, nach Frankreich zu den Partisanen geflohen, 1945 erneut nach Italien zurückgekehrt, April 1945 bis 1946 in der Befreiungsarmee; von 1946 an als Chirurg in Turin tätig.

 

 

Tagebucheintrag

[...]

 

27. April

Was ich doch für ein Dummkopf war!!

Heute hat uns die wunderbare Nachricht erreicht, dass sich unser Traum erfüllt hat, dem seit fast zwei Jahren all unsere Anstrengungen, Hoffnungen und Leiden galten: Turin ist frei! Sogar während ich diese Worte schreibe, scheint es mir unwirklich. [...] Wir haben in der Stadt davon geträumt, die Partisanen in den Bergen, die armen Gefangenen in ihren Zellen! ...

Und jetzt, wo der Tag endlich gekommen ist, muss ich die Nachricht einem Zweizeiler in der Zeitung entnehmen, Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt und dazu gezwungen, einer mittlerweile absurd gewordenen Verpflichtung nachzugehen, die jeden Tag meinen Idealen weniger entspricht.

Nichts rechtfertigt mein Hiersein. Von meinen Tischgenossen ist der Hauptmann Agnostiker, und der Apotheker, der Verwalter und der Kaplan sind Faschisten. Meine beiden Kollegen in der chirurgischen Einheit sind zum Glück noch die Vernünftigsten, obgleich sie beharrlich klerikal gesinnt sind. Sie sind zwei tüchtige Burschen, und mit Busnardo, meinem Zimmergenossen, lässt es sich gut reden, er ist auch ein Musikliebhaber und ein guter Pianist. Sie alle sind mehr oder weniger gegen die Alliierten sowie antikommunistisch auf eine schreckliche und bornierte Weise.

Dann gibt es noch den Unterleutnant Biscossa, er ist der Reifste von allen und meinen Ansichten am nächsten, mit Ausnahme einiger sozialpolitischer Theorien, über die er aber nie gesprochen hat. Von den Soldaten ganz zu schweigen: Sie sind faul, apathisch, zerlumpt, nachlässig und zumeist Faschistenfreunde. Das ist das Umfeld, in das man mich gesteckt hat.

Die verfluchten Bürokraten in Rom haben (absichtlich) meine Begeisterung, an die Front zu gehen, ausgenutzt, nur um einen weiteren „Einberufenen“ auf unbestimmte Zeit ausbeuten zu können, da ja Ärzte und besonders Chirurgen auch später noch nützlich sein werden. Sie haben meine Ankunft hier, weit entfernt von der ursprünglichen Frontlinie, dermaßen verzögert, dass gerade einmal zwei Tage nach meiner Ankunft das geschehen ist, worauf ich monatelang gehofft hatte! [...]

Wie konnte ich mich so leichthin einem Gefüge verschreiben, ohne zu wissen, wie ich mich in absehbarer Zeit aus seinen Fängen befreien kann, um mich endlich, nachdem ich wegen des Faschismus so viele Jahre verloren habe, erstmals dem Kampf für das Leben widmen zu können.

Und zu allem Überdruss bin ich nun doppelt an ein System gebunden, dessen Ansichten ich nicht teile. Während des Krieges war das etwas anderes, aber in den kommenden Umwälzungen der Nachkriegszeit wäre ich lieber nicht gerade mit denjenigen verbunden, die eine derart von der meinen abweichende Einstellung haben.

Bisher habe ich keinen einzigen entschiedenen Antifaschisten getroffen, keinen einzigen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, konnte es mir auch nicht vorstellen!

[...]

Alles ist wieder „wie früher“; wenn es – selten genug – überhaupt Antifaschismus gibt, so ist es ein halbherziger, parfümierter Antifaschismus, der sich an oberflächlichen Belanglosigkeiten und an Mussolinis Liebschaften festmacht. So etwas Erbärmliches und Trauriges! ...

[...]

Hoffentlich kann ich bald heimkehren! Aber die Aussichten sind gering ...
Und unterdessen, da hier sowieso niemand einstimmt, rufe ich: Hoch lebe das freie Turin, Mailand und Genua! Endlich! Und hoch leben die Partisanen des Nordens! Welch ein Glanz fällt nun endlich auf das bisher befreite verrottete Italien. Wie ich mich ihnen nahe fühle in diesem Augenblick! Sie sind sicherlich ganz verrückt vor Freude!

 

29. April

[...]

im Morgengrauen sind Mussolini und die anderen erschossen worden. Diesen Verrätern, die solches Unheil angerichtet haben, ist Gerechtigkeit widerfahren. Ach, wenn ich doch Neuigkeiten von meiner Familie hätte! Die Nachrichten aus dem Radio lassen mich weiter um sie zittern. Im Piemont gibt es immer noch deutschen Widerstand. Wo sind wohl Alberto, Juanita, Papa und Mama?!

 

2. Mai

Hitler ist in Berlin gestorben! Das ist die Schlagzeile der heutigen Zeitung. [...]

Was mich betrifft, gebe ich ihm die Schuld an allem Unglück: an der Tragödie des armen Onkel Riccardo und wer weiß wie vieler anderer, an Mamas und Papas frühem Altern unter all den Schicksalsschlägen, am Abbruch meiner Karriere und daran, dass meine und Juanitas Zukunft auf vielleicht unwiederbringliche Weise beschädigt ist. Er ist zu spät gestorben. Sein Tod hat nun der Menschheit nicht mehr den geringsten Nutzen bringen können. Wie das Ungeheuer im Märchen ist er verendet, nachdem alles Gift, das er verspritzen konnte, seine grauenvolle Wirkung in der Menschheit entfaltet hatte. Sein Tod kann jetzt das Ende des Krieges in Europa nicht einmal mehr um einen Tag beschleunigen oder verzögern.

[...]

Ist es denn nicht möglich, dass wir dich je in Ruhe und Frieden genießen können, du seliges Häuschen in der Via Massena?!

Heute um 8 Uhr abends eine weitere Nachricht: „Der Krieg in Italien ist beendet!“ Wäre diese Nachricht vor einer Woche eingetroffen, hätte ich mich vielleicht aus der Pflicht stehlen können, da ich mein Gesuch ja für den Krieg eingereicht hatte! Schicksal!