Dok. 13-271
Emil Dorian schildert am 1. Mai 1945 das große Maifest und das Desinteresse in Bukarest an Hitlers Tod

Der erste freie 1. Mai! Unter dieser Losung hat

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Dr. Emil Dorian, geb. als Isidor Lustig (1892–1956), Arzt, Schriftsteller und Übersetzer deutscher Literatur; führte von 1937 an bis zu seinem Tod ein Tagebuch; 1945–1948 Generalsekretär der Jüdischen Gemeinde Bukarest.

 

 

Tagebucheintrag


Der erste freie 1. Mai! Unter dieser Losung hat die Stadt eine einzigartige Feier erlebt. In den Straßen zum Platz des Sieges, wo der offizielle Festakt und das Defilee stattfanden, drängten sich Tausende von Menschen. Der erfrischende Enthusiasmus der Jugend und politischen Aktivisten war überbordend. Die Demonstrationsgruppen füllten die Boulevards von Sf. Gheorghe bis zum Platz des Sieges sowie die umliegenden Straßen. Wunderbare Dekorationen, aufrichtige Freude, goldene Zeit. […]
Nach zahllosen Überlegungen und Gesprächen, nach Delegierungen und Verhandlungen hat das Zentralkomitee der Partei beschlossen, eine jüdisch-demokratische Organisation zu gründen, ein sogenanntes Jüdisches Antifaschistisches Komitee. Folglich ist es jetzt an uns zusammenzukommen, zu prüfen und zu entscheiden, wie wir das schwierige Projekt gestalten. Das habe ich auf Umwegen und zufällig von Popper erfahren, der mir ein paar Brosamen der Geheimnisse und niederdrückenden Probleme, die die großen und wichtigen Leute beschäftigen, zugeworfen hat. Wir werden sehen, wann und zu welchem Ergebnis man gelangen wird. Es hat folglich neun Monate gebraucht, bis dieses noch namenlose Kind das Licht der Welt erblickte; seine Gestalt und sein Schicksal sind noch nicht absehbar. In diesen Zeiten laufen solche Dinge schlecht, die Menschen murren und fragen sich, wie sie es anstellen sollen, von dieser unglückseligen jüdischen Frage loszukommen. Die Reaktionäre, die Zionisten und alle politischen Fraktionen bauen ihre Positionen aus, während unsere totale Unzulänglichkeit uns lächerlich macht. Die Zeitung erscheint derzeit nicht. Soviel ich verstanden habe, sind sich die da oben noch nicht einig. Auf jeden Fall wurde der Begriff „jüdisch“ aus dem Untertitel gestrichen. Ein Organ des politischen und kulturellen Kampfes, das nur von Juden gemacht und sich ausschließlich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigen wird. Aber es soll sich nicht jüdisch nennen! Was für eine Posse! Manchmal will man es nicht glauben, dass unsere Führer dies entschieden haben.

Der Krieg ist so gut wie beendet. Die militärischen Siege Deutschlands haben in eine Katastrophe geführt, in einen erbärmlichen Untergang. Heute wurde der Tod Hitlers bekanntgegeben. Niemand hat darauf noch reagiert.  […]

Heute oder morgen werden die Überreste der Wehrmacht im Herzen Mitteleuropas die Waffen niederlegen. Der Versuch, sich der Rache der Russen durch die Hinwendung zur anglo- amerikanischen Front zu entziehen, war vorhersehbar. Aber aus den deutschen Lagern tauchen überall die ehemaligen Politiker auf: Franzosen, Belgier usw. Von den Naziführern ist kein einziger umgekommen: Himmler, Göring, Goebbels, Alfred Rosenberg usw., usw. – man weiß nichts von ihnen. Sie werden sich weiterhin verstecken oder Selbstmord begehen. Nach sechs Jahren wird heute oder morgen der Vorhang fallen nach dieser in der Geschichte einzigartigen Tragödie.