Dok. 11-183
Ein Luftwaffenhelfer schildert am 20. November 1944 die Lebensbedingungen von Juden in den Außenlagern des KZ Natzweiler

Hier, durch die Neuerrichtung des Flugplatzes wie auch durch

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Hier, durch die Neuerrichtung des Flugplatzes wie auch durch die umfangreichen Arbeiten der Organisation Todt zur Schieferöl-Gewinnung bedingt, sind in großen Konzentrationslagern 1000e von Juden in Schlamm und Morast untergebracht. In einer mittelgroßen Baracke hausen in einem Raum 700 Juden, die aus Osteuropa verschleppt worden sind. Sie bekommen am Tag als Verpflegung zwei Scheiben Kommissbrot und 15 gr Fett, dazu eine Wassersuppe. Auch die Bekleidung ist natürlich höchst mangelhaft. Hierbei müssen sie – von Beruf Universitätsprofessoren, Ärzte, Buchbinder, Maler, Schreiner, Bäcker und Staatsbeamte – schwerste körperliche Arbeit leisten: tiefe Erdschächte ausheben, Kanalisationen anlegen, Bäume fällen und anderes mehr. Um sie zur Höchstleistung anzutreiben, müssen natürlich nun Judenbewacher mit Karabiner hinterherlaufen, ihnen bei langsamer Arbeit Stockschläge übersünden und sie bei Entfernung über 3 m erschießen. Und diese Posten müssen wir ausfüllen. Hier den richtigen Weg zwischen Mitleid, Nächstenliebe und Pflicht zu finden, ist sehr, sehr schwer. Anfangs mied ich diesen Posten. Jetzt aber melde ich mich um so öfter dazu, um dadurch den „Beleidigten und Erniedrigten“ etwas Erleichterung zu verschaffen. Das ist natürlich verboten, und ich bin deswegen schon öfter angeeckt, aber ich halt es doch so für richtiger als so, wie’s die SS macht, die sie zur Bewachung im Lager haben und sie fast täglich blutig schlagen. Jeden Tag gehen 30 natürlich und 20 an Selbstmorden zugrunde. Gegen soviel Elend anzukämpfen, bringt man allein kaum fertig, aber ein tiefes Gebet richtet einen wieder auf. Glauben Sie, ich habe hier tiefer beten gelernt als sogar bei der Konfirmation. Man muß erst richtig dreckig sein, um zu Gott zu kommen, im Konfirmationsanzug geht das nicht so. Und trotzdem ist sie nötig als Anhalt, um darauf zurückgreifen zu können.