Dok. 12-123
Die Sekretärin Mirjam Levie beschreibt ihre Anspannung, als vom 21. bis 25. Mai 1943 viele Mitarbeiter des Jüdischen Rats in Amsterdam zur Deportation ausgewählt werden müssen

Diese Nacht werde ich niemals vergessen. Ich arbeitete an

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Mirjam Levie (*1917), Sekretärin; 1938–1941 für das Komitee für jüdische Flüchtlinge (CJV) tätig, dann für den Jüdischen Rat, im Mai 1943 Sekretärin von Raphaël Henri Eitje; im Juni 1943 nach Westerbork deportiert, im Jan. 1944 weiter nach Bergen-Belsen, im Juli 1944 wurde sie nach Palästina ausgetauscht; 1944 Heirat mit Leo Bolle; 1948–1981 bei der niederländ. Botschaft in Tel Aviv tätig.

 

Abraham (Ab) Vreedenburg (1909–1984), Revisor; überlebte den Krieg und emigrierte 1950 nach Israel. Karel David Hartog (1909–1995), Revisor; von 1936 an Vorsitzender der Jüdischen Jugendföderation; Mitarbeiter des Jüdischen Rats; von Juni 1942 bis Juli 1943 in Westerbork inhaftiert, danach entlassen; 1945–1946 Geschäftsführer des Niederländischen Zionistenbundes, 1946 Emigration nach Palästina.

 

Godfried (Freddy) Bolle (1914–1983), Makler; aktiv in zionistischen Organisationen, leitete 1941 die Zentrale Kulturkommission; am 26.5.1943 nach Westerbork deportiert, von dort am 11.1.1944 weiter nach Bergen-Belsen; 1945 Rückkehr in die Niederlande, aktiv im Wiederaufbau jüdischer Organisationen.

 

Eliazar (Elie) Dasberg (1904–1989), Versicherungsmakler; aktiv in zionistischen Organisationen, 1941–1943 Leiter der Abt. Berufsausbildung beim Jüdischen Rat; er wurde am 29.9.1943 nach Westerbork deportiert, von dort am 15.3.1944 weiter nach Bergen-Belsen; 1950 emigrierte er nach Israel und war dort Versicherungsmakler.

 

Mozes Bolle jr. (1879–1945), Bestatter; am 29. 9.1943 nach Westerbork deportiert, von dort am 11.1.1944 weiter nach Bergen-Belsen, wo er starb.

Handschriftl. Brief

 

[…] Diese Nacht [23. auf 24. Mai] werde ich niemals vergessen. Ich arbeitete an der Liste mit den Aufforderungen und musste sie mit den Karten der Kartothek abgleichen. In meiner Abteilung saßen richtig nette Leute, alles Abteilungschefs, aber jetzt ein richtig guter Haufen. Gleichzeitig war eine Gruppe von Rechnungsprüfern zum Zählen eingeschaltet, u. a. Ab Vreedenburg und Karel Hartog!! [...] Ich vergaß Dir noch zu erzählen, dass sich Freddy geweigert hatte, die Listen zu erstellen, und Elie Dasberg ebenfalls. Aber sie wussten ja, dass man sie nicht fallenlassen würde, und was die Eltern betrifft: Elies Bruder, Simon Dasberg (der inzwischen stellvertretender Oberrabbiner von Amsterdam geworden war), würde schon für seine Mutter sorgen, Dein Vater war als Leiter der Begräbnisvereinigung sicher, sie konnten es sich also erlauben. [...] Diese Rechnungsprüfer machten nichts anderes als zählen und erneut zählen. Und die Zahl stimmte nicht. Sie blieb weit unter 7000, was sich leicht erklären ließ (siehe oben). Wir hatten es ja vorausgesehen, die hohen Herren selbst aber nicht. Die Folge war eine „Razzia“, d.h. die gesamte Kartothek wurde durchforstet und anhand der Karten, die herausgeholt wurden, schrieb man Aufforderungen. Völlige Willkür. Unsere Gruppe, welche die Aufforderungsliste in die Hände bekam – ab und zu mussten wir ins Zimmer des Professors, wo das Blutbad ausgeführt wurde, um die Listen zu holen –, war so wütend. Wir sahen natürlich immer mehr Namen von guten Freunden, Kollegen, manche sogar von Verwandten, Geschwistern und sogar Kindern und Eltern! Die Anspannung wurde unerträglich, bis irgendwann einer der Männer (ein ehemaliger Theaterdirektor und Konzertagent) zu weinen anfing und schrie, er werde nicht mehr weitermachen. Daraufhin warfen wir alle die Sache hin, und einer von uns ging zum Professor, um ihm mitzuteilen, dass wir diese irrsinnige Henkersarbeit unmöglich ausführen konnten.

Daraufhin kam die gesamte Kommission in unser Zimmer, und der Professor sagte etwas wie: „Wenn wir es nicht machen, passieren schlimme Dinge.“ Aber als man ihm sagte, es würden sowieso zu wenig Leute erscheinen, antwortete er: „Das ist dann der Wille des Volkes. Aber ich kann nicht die Verantwortung auf mich nehmen, den Befehl zu verweigern.“ Das alles klingt sehr nüchtern, aber kaum einer konnte noch seine Einwände vorbringen, weil alle weinten. Auch der Professor war nicht weit davon entfernt.

Ich riss mich so gerade noch zusammen und sagte: „Aber Professor, es ist doch auch der Wille des Volkes, dass Sie den Befehl verweigern. Und wenn die schrecklichen Dinge, von denen Sie immer wieder sprechen, dann doch passieren (der Professor hatte nämlich erzählt, die Moffen hätten damit gedroht, es würden Dinge geschehen, von denen wir uns nicht die geringste Vorstellung machen könnten, falls nicht genug Leute erschienen. Außerdem hatte er gesagt, er sei überzeugt, dass nur wenig Leute erscheinen würden), warum müssen wir dann erst diese elende Arbeit durchführen? Warum legen wir uns nicht in die Sonne, um für Polen Kräfte zu sammeln?“ Alle pflichteten mir bei und nickten mir zu, während ich mir das Weinen kaum verkneifen konnte. Der Professor antwortete: „Fräulein Levie, das können Sie nicht beurteilen.“ Ich war daraufhin nicht mehr in der Lage ihm zu sagen, es sei keine Kunst, jemanden so abzukanzeln.

Der Professor schaute in die Runde der schluchzenden Männer – ich war die einzige Frau – und sagte: „Machen Sie es uns doch nicht so schwer, die Aufforderungen müssen raus.“ (Sie hatten wohlgemerkt am Freitag den Befehl erhalten, und am Dienstag mussten sich die Leute melden!) Kurz und gut, wir machten uns wieder an die Arbeit.

[…]