Dok. 05-016
Ein anonymer Verfasser berichtet im November 1941 über die Konfiszierung der Geschäfte von Juden im norwegischen Trondheim

Kurz nach dem 20.10. wurden 3 Firmen

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  • 1941
 
  • 1942
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Grenzen der Oberlandratsbezirke nach der Gebietsreform von 1940 (im Protektorat Böhmen und Mähren)

Reidar Johan Dunker Landgraff (*1892), Bürokaufmann; Mitarbeiter des Verlags Halvorsen & Larsen in Oslo und Trondheim; von Herbst 1940 an als Generaltreuhänder Leiter des Verwaltungsbüros für konfisziertes Eigentum von Juden in Trondheim; im Okt. 1947 von einem norweg. Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt, 1951 begnadigt.

 

Heiman und Abel Abrahamsen (*1923), die mit ihrer Mutter Mirjam Abrahamsen

(1878–1974) am 28.10.1941 über die Grenze nach Schweden gekommen und am nächsten Tag von der schwed. Grenzpolizei zurückgebracht worden waren. Erst nach einem erneuten Grenzübertritt am Folgetag und der Intervention eines schwed. Verwandten konnten sie in Schweden bleiben.

 

Oskar Mendelsohn (1912–1993), Lehrer; Sekretär der Jüdischen Gemeinde Trondheim; 1938–1942 Lehrer in Trondheim; 1942 Flucht nach Schweden, bis Kriegsende Gymnasiallehrer in Uppsala; 1945–1948 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Oslo. Verfasser von Jødenes historie i Norge: gjennom 300 år, 2 Bde.,

Oslo u.a. 1987.

 

Aron Mendelsohn (1871–1943), Unternehmer; geb. in Litauen, 1894 nach Norwegen immigriert; Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde Trondheim; er konnte vor der Beschlagnahme der Synagoge Thorarollen und einen Teil der Bücher der Jüdischen Gemeinde retten; am 25.11.1942 verhaftet, am 24.2.1943 nach Auschwitz deportiert, dort am 3.3.1943 umgekommen.

 

Einige Mitglieder der Familie Abrahamsen konnten nach Schweden fliehen.

Maschinenschriftl. Vermerk

 

Kurz nach dem 20.10. wurden 3 Firmen, die der Familie Abrahamsen gehören, von der Staatspolizei geschlossen. Die Häuser der Familie und weiterer Besitz, Bankschließfächer beschlagnahmt. Inhaber nicht verhaftet. Hausdurchsuchungen nach Waren in betreffenden Privatwohnungen. Dem Vernehmen nach sollen 4 Mitglieder der Familie später die Stadt verlassen haben, ihr Schicksal unbekannt. Die verbliebenen Familienmitglieder, soweit bekannt, nicht verhaftet. Eine von Abrahamsens 3 Firmen am 3.11. unter arischer Verwaltung wiedereröffnet. Der Familie wurde Zugang zu Geschäften verweigert. Die anderen Juden der Stadt reagierten bis Montag, 3.11., ruhig, weil alle annahmen, dass bei Abrahamsen Unregelmäßigkeiten oder Verstöße gegen die Rationierungsbestimmungen vorlagen.

Montag, 3.11., schloss die Staatspolizei unter Leitung von Herrn Landgraff die Firma
H. Klein. Der Seniorchef und der älteste Sohn wurden verhaftet und in Vollan inhaftiert, wegen angeblicher Verstöße u.a. gegen Rationierungsbestimmungen (siehe Dagsposten vom gleichen Abend und Adresseavisen, 4.11.). Klein senior ist kränklich, Herzfehler, Medizin durfte ihm nicht ins Gefängnis gebracht werden. Wurde während Gefängnisaufenthalt ärztlicher Behandlung übergeben. Firma wegen Inventur noch immer geschlossen. Bedienungen bei Klein angewiesen, am nächsten Tag zu erscheinen, ausgenommen jene Angestellten, die zur Familie Klein gehören. Auf Anfrage eines Angestellten, ob es sich dabei um Judenverfolgung handele, verneinte Herr Landgraff. Das gleiche hat Herr Landgraff auch geäußert, nachdem weitere 3 Firmen geschlossen worden waren. Als man sich am Dienstag wegen der Verhaftungen an die Deutschen wandte, erfuhr man u.a., dass dies nicht gegen Familie Klein gerichtet sei, sondern gegen die Juden in Trondheim. Die Verhältnisse (Geschäftsführung?) der Juden seien nicht korrekt.

[…]

Freitagmittag, 7.11., schließt die Polizei, angeführt von Landgraff, die Firma
A. Mendelsohn und Söhne. Der Firmenchef wird nach Vollan gebracht. Leiter des Versorgungsamts, Herr Møllerop, wird als Verwalter eingesetzt. Es wird nach allen Mendelsohn-Brüdern gefahndet, die verhaftet werden sollen. Dann wird Herr Landgraff in Kenntnis gesetzt, dass Studienrat Oskar Mendelsohn nichts mit der Firma zu tun hat, er wurde bisher nicht verhaftet. Stattdessen wird eine Stunde später der Vater Aron Mendelsohn verhaftet, nachdem sich die Polizei zwischenzeitlich einen Haftbefehl für Aron Mendelsohn beschafft hatte. A. Mendelsohn ist 70 Jahre alt, vor 6-7 Jahren aus der Firma ausgeschieden, hat nichts mehr mit der Firma zu tun, ihm gehören aber die 2 Mietshäuser, wo u.a. die Firma ihre Räume hat. Mendelsohn wohnt dort auch privat. Die Wertpapiere in Mendelsohn Seniors Privatsafe, die ihm selbst gehören, werden auf Verlangen der Polizei ausgehändigt. Die normale norwegische Polizei nimmt die Verhaftung vor.

[…]

Nach diesen Ereignissen ist die Nervosität unter den Juden der Stadt groß, da alles deutlich auf eine Judenaktion hinweist. Wenn selbst ein so alter Mann wie Aron Mendelsohn, der außerdem kein Geschäftsmann mehr ist und deshalb auch nicht der unkorrekten Geschäftsführung beschuldigt werden kann, verhaftet wird, ist das Schlimmste zu befürchten. Zumal eine Beschlagnahme nichtjüdischer Geschäfte nicht stattgefunden hat. Keiner der hier genannten Verhafteten wurde freigelassen.

Es entsteht der Eindruck, dass man einer jüdischen Firma nach der anderen irgendwelche Unregelmäßigkeiten vorzuwerfen versucht. Das gibt der Aktion eine „rechtmäßige“ Grundlage.