Dok. 05-008
Der Pastor Arne Fjellbu berichtet in seinem Tagebuch am 30. April über Maßnahmen gegen Juden im norwegischen Trondheim

Gestern kam Studienrat Mendelsohn sehr

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Arne Fjellbu (1890–1962), evang. Theologe; von 1937 an Domprobst des Nidaros­Doms in Trondheim; nach einem Protest gegen einen im Dom von Trondheim abgehaltenen Gottesdienst eines nationalsozialistischen Pfarrers wurde Fjellbu im Febr. 1942 abgesetzt, als Reaktion darauf legten alle norweg. Bischöfe am 24.2.1942 ihre Ämter nieder; 1944 Flucht nach Schweden; von 1945 an Bischof von Trondheim. A. Fjellbu führte das Tagebuch von 1940 bis zum Kriegsende.

 

Gemeint ist Oskar Mendelsohn (1912–1993), Lehrer; Sekretär der Jüdischen Gemeinde Trondheim; 1938–1942 Lehrer in Trondheim; 1942 Flucht nach Schweden, bis Kriegsende Gymnasiallehrer in Uppsala; 1945–1948 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Oslo. Verfasser von Jødeneshistorie i Norge: gjennom 300 år, 2 Bde., Oslo u.a. 1987.

 

Aron Mendelsohn (1871–1943), Unternehmer; geb. in Litauen, 1894 nach Norwegen immigriert; Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde Trondheim; er konnte vor der Beschlagnahme der Syna­goge Thorarollen und einen Teil der Bücher der Jüdischen Gemeinde retten; am 25.11.1942 verhaftet, am 24.2.1943 nach Auschwitz deportiert, dort am 3.3.1943 umgekommen.

 

Johan Cappelen (1889–1947), Jurist; von 1922 an Anwalt am Obersten Gericht; 1931–1934 Bürgermeister von Trondheim, 1940 und 1945–1947 Reg.Präs. des Bezirks Sør­Trøndelag; am 3.3.1943 als Angehöriger der zivilen Widerstandsorganisation Sivorg verhaftet, 1943–1945 inhaftiert; 1945 Jus­tiz­ und Polizeiminister.

 

Isidor Isaksen (1896–1943), Kaufmann; Inhaber eines Kleidergeschäfts in Trondheim; Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Trondheim; am 28.7.1942 verhaftet, am 26.11.1942 nach Auschwitz deportiert und dort am 9.4.1943 umgekommen.

 

Olav Bergan (*1890), Bankangestellter; 1936–1938 Direktor der Norsk­-Russisk Oljekompani; NS­ Mitglied; 1940–1943 Bürgermeister von Trondheim, 1943–1945 Manager der AS Forretnings­banken in Trondheim; nach dem Krieg von einem norweg. Gericht zu zwölf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, 1950 entlassen, 1951 begnadigt.

 

Frederik Prytz (1878–1945), Geschäftsmann; 1933 Mitbegründer der NS und Vorsitzender des Finanzkomitees der Partei; von 1940 an Reg.Präs. des Bezirks Sør­Trøndelag, 1942–1945 Finanz­minister der Regierung Quisling; erlag 1945 einer Krankheit. 

Tagebucheintrag vom 30.4.1941

 

Die Judenverfolgungen beginnen

30. April. Gestern kam Studienrat Mendelsohn sehr aufgewühlt zu mir. Er berichtete, die Deutschen hätten ohne jede Vorwarnung die Synagoge beschlagnahmt. Sie [die Juden] bekämen nur mit Müh und Not ihre Sachen heraus. Sie hätten das Gefühl, dass ihr Heiligtum geschändet worden sei. Eine Synagoge sei nun in der Wohnung seines Vaters eingerichtet worden. Doch nun tauchten die Deutschen auf und inspizierten ihre Wohnungen; es hieß, dass alle jüdischen Wohnungen beschlagnahmt und die Juden auf die Straße geworfen würden. Wir vereinbarten, dass er später am Tag zusammen mit Rechtsanwalt Cappelen noch einmal zu mir kommen solle. Gegen 2 Uhr erschien er mit Cappelen, dem alten Mendelsohn und Isidor Isaksen. Isaksens Villa war bereits beschlagnahmt worden, die Familie sollte das Haus bis zum 8. Mai verlassen. Cappelen und ich erklärten, dass wir wirklich volle Klarheit darüber erlangen müssten, ob es sich tatsächlich um eine Aktion gegen die Juden handele, man also von Judenverfolgung sprechen könne. Es waren ja auch Häuser von nichtjüdischen Norwegern beschlagnahmt worden, und wir könnten, selbst wenn das eine oder andere Haus von Juden betroffen sei, nichts unternehmen, solange sich in diesem Wahnsinn kein System erkennen lasse. Hier waren die Juden ganz unserer Meinung. Isaksen sagte darüber hinaus: „Wir werden mit Freude die Leiden ertragen, die auch den übrigen Norwegern aufgebürdet werden; es empört uns aber, dass wir auf besondere Weise behandelt werden. Wir sind ja ebenfalls gesetzestreue norwegische Bürger, die ihre Steuern bezahlen.“ Die Juden versprachen, uns einen möglichst genauen Bericht über die betroffenen Häuser in jüdischem Besitz zukommen zu lassen. Sollte sich herausstellen, dass es sich um eine gezielte Verfolgung der Juden handele, würden Cappelen und ich Bürgermeister Bergan und Regierungspräsident Prytz aufsuchen, um sie dazu zu bewegen, sich für ihre Landsleute einzusetzen.

Das Treffen im Büro empfand ich als sehr ergreifend. Die Juden waren dankbar, dass ihnen jemand helfen wollte. Insbesondere der alte Mendelsohn rührte uns. Er empfand, dass sein Heiligtum geschändet worden war. Wir bekamen einen Eindruck von den Gefühlen der Juden gegenüber dem Heiligen.

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