Dok. 08-206
Jüdischer Polizist aus Vilne (Wilna) rechtfertigt sich am 27. Oktober 1942 für seine Mitwirkung an der Selektion von Juden in Oshmene (Oszmiana)

Meine Herren, ich habe Sie heute eingeladen, um von einer der schrecklichsten

  • Orte
  • Personen
  • Skript
  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Jakob Gens (1903–1943), Jurist, Offizier;1919 Eintritt in die lit. Armee und Besuch einer Offiziersschule, 1924–1927 Lehrer an einer jüdischen Schule, 1927–1935 Buchhalter im lit. Justizministerium in Kaunas, 1935 Rückkehr in die Armee, unter der sowjet. Besatzung nach Wilna ausgewichen, Sept. 1941 bis Juli 1942 Chef der Wilnaer Gettopolizei, Juli 1942 bis Sept. 1943 Chef der jüdischen Verwaltung im Getto; im September 1943 von der Gestapo erschossen.

 

Salek Dessler Auch David Salomon (1910–1943), Jurist; bis Sept. 1943 Assistent von Polizeichef Jakob Gens, nach dessen Ermordung am 14. 9. 1943 für wenige Tage Chef des Wilnaer Gettos; floh kurz vor der Auflösung des Gettos, wurde aber gefasst und in Ponary ermordet.

 

Martin Weiß (1903–1984), Klempnermeister; 1934 Eintritt in die Reiter-SS, 1937 NSDAP-Eintritt; Juli 1941 bis Juli 1944 Mitglied des Ek 3, von Okt. 1941 an in der Abteilung IV (Judenreferat) der Außenstelle Wilna des KdS Litauen tätig, leitete von Okt. 1941 bis Juli 1943 die Exekutionen in Ponary, der zentralen Mordstätte bei Wilna; 1950 vom Landgericht Würzburg zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, nach einem Gnadengesuch wurde die Strafe 1971 ausgesetzt.

Stenogramm der Sitzung des Judenrats

 

Herr J. Gens: Meine Herren, ich habe Sie heute eingeladen, um von einer der schrecklichsten Tragödien in der jüdischen Geschichte zu berichten, als Juden Juden zum Tod führten. Ich möchte gern ein weiteres Mal offen sprechen.


Vor einer Woche kam Weiß vom SD und gab uns im Namen des SD den Befehl, nach Oshmene zu fahren. Im Oshmener Getto lebten etwa 4000 Juden und so viele könne man dort nicht belassen. Daher müsse das Getto verkleinert werden – die Menschen, die den Deutschen nicht genehm sind, müssten selektiert, abgeführt und erschossen werden. Zuallererst Frauen mit Kindern, deren Männer letztes Jahr von „Khapunes“ verschleppt wurden. In zweiter Linie Frauen und Familien mit vielen Kindern. Als wir diesen Befehl erhielten, antworteten wir: „Zu Befehl!“


Herr Dessler und einige jüdische Polizisten fuhren nach Oshmene. Nach zwei bis drei Tagen hat die jüdische Polizei festgestellt und dies im Gebietskommissariat (in Vilne) erklärt, dass erstens die Frauen, deren Männer letztes Jahr verschleppt wurden, beschäftigt seien und es daher nicht möglich sei, sie abzuführen, und es zweitens überhaupt keine Familien mit vier bis fünf Kindern gebe. Das Maximum seien [in der Regel] zwei, und nur wenige hätten drei Kinder. Das wäre also auch keine Möglichkeit. (Ich vergaß zu erwähnen, dass mindestens 1500 Personen abgeführt werden sollten.) Wir sagten, dass wir eine solche Anzahl nicht bereitstellen könnten. Wir fingen an zu verhandeln. Als Herr Dessler mit seiner Meldung aus Oshmene kam, sank die [geforderte] Anzahl auf 800. Als ich dann mit Weiß nach Oshmene fuhr, sank die Anzahl wiederum auf 600. In Wirklichkeit war die Lage anders. Wir verhandelten bis 600. Währenddessen entfiel die Variante „Frauen mit Kindern“ und übrigblieb die Variante „alte Menschen“. Tatsächlich wurden in Oshmene 406 alte Menschen zusammengesucht. Diese wurden dann ausgeliefert.

Als Weiß das erste Mal kam und über Frauen und Kinder sprach, sagte ich ihm, man solle alte Menschen nehmen. Darauf antwortete er: „Wir müssen das Getto jetzt verkleinern, und die Alten werden im Winter ja ohnehin sterben.“

Die jüdische Polizei rettete diejenigen, die leben müssen. Die nur noch kurze Zeit zu leben hatten, hat man weggegeben. Mögen die alten Juden uns vergeben. Sie waren das Opfer für unsere Judenheit – für unsere Zukunft.


Ich will gar nicht von dem reden, was unsere Vilner Juden in Oshmene durchgemacht haben. Heute bedaure ich nur, dass bei den Aktionen in Kamelishek und Bistritz keine Juden beteiligt waren. Letzte Woche wurden dort unterschiedslos alle Juden erschossen. Heute waren zwei Juden aus Shventsion (Alt-Shventsion) bei mir und baten, sie zu retten. Es gibt dort neben den Juden aus Shventsion selbst noch welche aus Vidz und anderen umliegenden Shtetln. Heute stelle ich mir die Frage, was denn sein wird, wenn wir ein weiteres Mal die Selektion durchführen müssen. Eigentlich wäre es meine Pflicht, ihnen zu sagen: Liebe Juden, lasst mich in Ruhe, ich will mir die Hände nicht schmutzig machen, indem ich meine Polizisten schicke, diese schmutzige Arbeit zu tun. Heute sage ich, dass es meine Pflicht ist, mir die Hände schmutzig zu machen, weil das jüdische Volk jetzt entsetzliche Zeiten erlebt. Wenn fünf Millionen Menschen schon dahingegangen sind, dann ist es unsere Pflicht, die Starken und die Jungen zu retten – jung nicht nur an Jahren, sondern auch im Geist – und sich nicht in Gefühlen zu verlieren. Als man dem Rabbiner in Oshmene sagte, dass noch Menschen fehlen, um die geforderte Anzahl zu liefern, während in einer „Maline“ fünf alte Juden versteckt sind, antwortete er, man solle die „Maline“ öffnen. Das ist ein Mensch mit einem starken, jungen Geist. Ich weiß nicht, ob das alle verstehen und verteidigen werden und ob man es immer noch verteidigen wird, wenn wir das Getto verlassen werden. Es ist aber der Standpunkt unserer Polizei: alle zu retten, die man retten kann, ohne Rücksicht auf unseren eigenen Ruf und unsere eigenen Erlebnisse.

[...]

Ich hatte den Polizisten schon gesagt, dass ich [allein] die Verantwortung für die Arbeit übernehme. Ich will keine Diskussionen. Keiner soll über das diskutieren, was ich getan habe oder noch tun werde. Ich habe Sie zusammengerufen, damit Sie wissen, was die Juden durchmachen und warum der Jude seine Hände in Blut taucht. Solche Ereignisse hatten wir im Getto mehrfach. Vor einem Jahr lebten wir in einem Zustand der Psychose. Es war ein einziger Albtraum. Wir hatten keine Zeit nachzudenken. Wir handelten rein instinktiv. Heute ist die Lage eine andere. Schon ein Jahr lang leben wir ein bisschen geistig gefestigter. Unser Geist ist nicht mehr so versklavt. Ich wollte Ihnen heute zeigen, dass die Zeit kommen wird, in der man mehr Polizisten braucht, und wenn ich sehe, dass es besser für die Gemeinschaft ist, selbst anzupacken, dann werden wir dies tun!