Dok. 07-182
Die Schülerin Šejna Gram schildert im Juli 1941 in ihrem Tagebuch die Verfolgung der Juden im lettischen Prejli

Dies ist der blutige Sonntag für

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Šejna Gram (1926–1941), Schülerin; von ihrer Verwandtschaft unter deutscher Besatzung überlebten nur ein Cousin und eine Cousine. Ihr Tagebuch wurde von einer Nachbarin aufbewahrt, die es 1944 ihrem Bruder, dem Rotarmisten Gutman Gram (*1920) übergab, der sich nach der Befreiung Prejlis nach dem Schicksal seiner Familie erkundigte. Prejli liegt etwa 50 km nordöstlich von Daugavpils.

27. Juli 1941

Dies ist der blutige Sonntag für das lettische jüdische Volk. Morgens wird allen Juden aus der Dvinsker Straße befohlen, gute Kleidung anzuziehen, Lebensmittel einzupacken und die Häuser zu verlassen. Die Häuser werden durchsucht. Um 12 Uhr werden alle in die Synagoge getrieben. Eine Gruppe junger Juden wird weggeschickt, um hinter dem Friedhof Gruben auszuheben. Später werden noch zwei Straßen dazugenommen. Alle [Juden] werden in die Synagoge getrieben. Um halb vier früh treiben sie alle hinter den Friedhof. Dort werden 250 Juden erschossen, Männer, Frauen und Kinder.

Es ist schrecklich. Ein solches Ende haben wir nicht erwartet. Die wenigen, die übrig geblieben sind, erwarten jede Minute den Tod.

Montag, 28. Juli 1941

So ein schrecklicher Tag. Wir erfuhren von dem traurigen Ende. Tagsüber wird wieder eine Gruppe Juden zum Torfstechen ausgewählt und registriert.

Dienstag, 29. Juli 1941

Frühmorgens fahren sie fort. Es gibt Gerüchte, dass auch sie fortgeschickt werden, um Gruben auszuheben. Mädchen werden gezwungen, die Straßen zu kehren. Dass man noch lebt, erscheint einem wie ein Wunder, jeder wünscht sich den Tod. Die Lage der Juden ist schrecklich. Wie lange werden wir noch leiden? Es gibt Gerüchte, dass heute Abend wieder Menschen geholt werden sollen. Wir beschließen, nicht zu Hause zu schlafen. Ein Bauer erlaubt uns, in einer Badestube zu übernachten. Abends gehen wir einzeln in das Bad, um zu schlafen. Wir sind sechs Menschen, das Bad ist klein. Schlafen könnten nur jeweils drei. Es schläft [aber] keiner. Die ganze Nacht bellen die Hunde entsetzlich. Ich schaue mit geschlossenen Augen: Mir erscheinen die Gesichter all der Erschossenen. Es kommt mir vor, als hörte ich Weinen.

Mittwoch, 30. Juli 1941

Morgens gehen wir in die Wohnung. Dort wurde nichts angerührt. Alles war ruhig. Ich falle gleich in mein Bett und schlafe ein. Immer wieder andere Neuigkeiten. Einer sagt, man werde noch weitere Menschen holen, ein anderer widerspricht. Wem soll man glauben? Es ist eine schreckliche Situation, alle sitzen da und warten auf den Tod. Wir erfahren, dass für die übrigen Juden ein noch schlimmerer Tod vorgesehen ist: Man wird uns verbrennen. Ich bin gleichgültig. Ich will weder leben noch sterben. Nur eine Sache wundert mich: Wie halten wir das aus, diese schrecklichen Ereignisse? […]