Dok. 07-174
Boris S. Ajzenberg beklagt sich im Juni 1943, die Juden im Nordkaukasus seien nicht vor der drohenden Gefahr durch die Deutschen gewarnt worden

Hochverehrter Genosse Ėrenburg, hiermit übersende

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  • 1943
 
  • 1944
 
  • 1945

Boris S. Ajzenberg, Leiter des Feldlazaretts und Kriegsarzt 2. Ranges.

 

Il’ja G. Ėrenburg (1891–1967), Schriftsteller und Journalist; von 1906 an in bolschewistischen Untergrundgruppen aktiv, seit 1908 im franz. Exil, im Juli 1917 Rückkehr nach Russland, von 1921 an meist im Ausland (Berlin, Paris), seit 1932 Korrespondent der Izvestija, 1940 Rückkehr in die UdSSR, von Juni 1941 an Korrespondent für die Armeezeitung Krasnaja Zvezda, JAK (Jüdisches Antifaschistisches Komitee)-Gründungsmitglied; veröffentlichte Ende 1953 den Roman „Tauwetter“, eine Parabel auf das Ende des Stalinismus.

 

Galina L. Ajzenberg (1902–1942), Frau von Boris S. Ajzenberg, Ärztin.

 

Aleksandr B. Ajzenberg (1932–1942), Sohn von Boris S. Ajzenberg.

Brief Feldpostnummer 22022, an Il’ja Ėrenburg,

 

Hochverehrter Genosse Ėrenburg,

hiermit übersende ich Ihnen fünf offizielle Untersuchungsberichte: 1) über die abscheulichen Verbrechen der Deutschen im Gebiet Kavminvod und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung, 2) über die bestialischen Verbrechen der Deutschen in Essentuki, 3) über die entsetzliche „Evakuierung“ aus Essentuki im Jahre 1942, 4) Berichte von Augenzeugen über die Tötung von Juden bei der Glasfabrik in der Nähe des Bahnhofs Mineral’nye Vody und 5) einen Bericht über die Untersuchung des Ortes, an dem 10 000 Juden aus dem Gebiet Kavminvod ermordet wurden, den ich zwei Mal besucht und [wo ich] eine Gedenktafel aufgestellt habe. Diese Dokumente sind objektives Beweismaterial und sprechen für sich.

Meine Frau, Galina L’vovna Ajzenberg und mein zehnjähriges Söhnchen, Aleksandr,  sind in Essentuki ums Leben gekommen. Die Gespräche mit der örtlichen Bevölkerung und mit überlebenden Juden lassen immer wieder erkennen, dass die Juden ganz ahnungslos waren; sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass die Deutschen unschuldige Menschen auf solch grausame und monströse Art und Weise umbringen würden. Weder die Presse noch die Verantwortlichen haben [die Juden] im Gebiet Kavkazskie Mineral’nye Vody vor dieser Gefahr gewarnt. Daraus schließe ich, dass auch die Bevölkerung in vielen anderen Ortschaften keine Vorstellung davon hat, was für Menschenschinder und Bestien die Deutschen sind. Die Presse sollte dieser Frage daher mehr Aufmerksamkeit schenken. Ich bitte Sie eindringlich, dieses Material folgenden Stellen zu übermitteln:

1) dem Internationalen Jüdischen Antifaschistischen Komitee in Moskau, 2) der Zentralen Staatskommission zur Aufklärung von Opfern der deutschen Banditen und 3) bitte ich Sie, dieses Material auch journalistisch zu verarbeiten. Ein Exemplar [des Berichts] über die bestialischen Verbrechen in Essentuki habe ich an den Leiter des NKVD [Volkskommissariats für Inneres] in Essentuki, Hauptmann Pogrebenko, übergeben. Ein Exemplar über die entsetzliche „Evakuierung“ habe ich an den Generalstaatsanwalt der RSFSF [Russischen Sozialistischen Föderative Sowjetrepublik] übersandt. Die Dokumente über den Zustand des Ortes, an dem die Überreste der ermordeten Juden liegen, habe ich folgenden Personen übergeben: 1) dem Sekretär des Stadtkomitees VKP(b) [Kommunistische Allunionspartei der Bolschewiki] in Essentuki und 2) dem Sekretär des Stadtkomitees VKP(b) [Kommunistische Allunionspartei der Bolschewiki] von Mineral’nye Vody.

Ich hoffe, von Ihnen eine kurze Antwort zu erhalten. Ich bin nur für ganz kurze Zeit von der Front beurlaubt. Der Urlaub wurde mir für die Klärung der erwähnten Fragen gewahrt. Ich werde bald wieder an die Front, wo ich seit Kriegsausbruch bin, zurückkehren.

Mit besten Grüßen,

Kriegsarzt Ajzenberg

Adresse: Feldpost 22022. Ajzenberg, B.S.

P.S.: Dieser unglückselige Panzerabwehrgraben [in Essentuki] ist nur einer von vielen Orten, an denen eine große Anzahl unschuldiger Juden ermordet wurde.