Dok. 04-144
Jüdische Repräsentanten berichten der US-Botschaft in Berlin am 28. Juli 1940 über die Judenverfolgung in Westpolen

Das dem Reich angegliederte Gebiet wird weiterhin von mehr als einer halben Million

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  • 1940
 
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  • Grenze Staatsgrenzen von 1937
  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Denkschriften (streng vertraulich)

 

Juden in Kutno und in anderen vom Reich annektierten Städten

Das dem Reich angegliederte Gebiet wird weiterhin von mehr als einer halben Million Juden bewohnt, davon leben allein etwa 220 000 bis 250 000 in Lodz. Die Juden sind einem ungeheuren Terror ausgesetzt und müssen täglich um ihr Leben fürchten. Um diese Menschen körperlich und moralisch zu brechen, werden mit kalter Berechnung die unmenschlichsten Methoden angewandt, alle letztlich mit dem Ziel, sie [diese Menschen] vollständig auszulöschen. Die gelben Flecken, die Brust und Rücken der Juden zieren, waren erst der Anfang und gehören zu einem ausgeklügelten Plan, der nun konsequent und erbarmungslos umgesetzt wird. Die wirtschaftliche Grundlage der Juden ist binnen weniger Wochen zerstört worden. Den wenigen wohlhabenden Juden hat man all ihren Besitz, die Immobilien wie die Mobilien, geraubt: Jüdische Geschäfte sind entweder geschlossen oder an Deutsche übereignet worden. Handwerker haben ihre Werkstätten verloren, Taxifahrer und Fuhrunternehmer ihre Pferde, Droschken und Fahrzeuge; selbst jüdische Wohnungen und Häuser hat man ausgeplündert und das gesamte Mobiliar sowie andere lebensnotwendige Gegenstände konfisziert.

[…]

Zurzeit werden zwei Aktionen vorangetrieben: Bei der einen ist geplant, Juden in sogenannten Gettos zu isolieren, besser gesagt, in Konzentrationslagern, wo man sie einsperren und hermetisch von der Außenwelt (Lodz) abschotten will. Die andere ist die Ausweitung der Deportationen. […] In Wielun dürfen Juden weder auf dem Bürgersteig noch auf der Straße gehen, sondern nur noch in der Gosse. In Płock wurden eines Tages die Bewohner des örtlichen Altersheims abtransportiert, und man nimmt an, dass sie tot sind. Aus Uniejów haben wir erfahren, dass sich alle jüdischen Frauen und Männer über 16 Jahren täglich zu unbezahlten Arbeitsdiensten melden müssen und der Rat der Jüdischen Gemeinde für deren Verpflegung aufzukommen hat. Da dieser jedoch über keine Mittel mehr verfügt, leiden die Arbeiter und Arbeiterinnen unter Hunger und Entkräftung. In Kutno wurde am Stadtrand ein Getto eingerichtet. Der jüdischen Bevölkerung, die über 8000 Personen umfasst, stellte man insgesamt fünf verfallene Gebäude, Teile einer ehemaligen Fabrik, mit 111 Räumen zur Verfügung, in denen es jedoch an Küchen und anderen notwendigen Ausstattungen fehlt. Nur ein Teil der Juden konnte in diesen Halbruinen untergebracht werden (mehrheitlich Frauen und Kinder), während die anderen bis heute auf offenem Feld kampieren müssen oder in behelfsmäßigen Baracken hausen, die nicht fertiggestellt werden konnten (da die Genehmigung, Bauholz zu liefern, noch während des Baus widerrufen wurde). Das Gelände dieser fünf Fabrikgebäude mit ihren 8000 jüdischen Bewohnern ist mit Stacheldraht eingezäunt worden. Als ein Junge, der zuvor aus dem Getto in Lodz geflohen war, durch den Zaun zu schlüpfen versuchte, wurde er erschossen. Im Getto gibt es nur einen Brunnen, sodass die Menschen hier den ganzen Tag lang in einer Schlange anstehen müssen, um etwas Wasser zu bekommen. Das wenige Essen, das man ihnen zugesteht, ist ungenießbar. Die Menschen haben aufgeblähte Hungerbäuche, und da es selbst an einfachsten Medikamenten fehlt, ist die Sterberate ins Unermessliche gestiegen.

[…]