Dok. 04-048
Anonymer Bericht über die Vertreibung von Juden aus Posen und Umgebung in das Generalgouvernement im November 1939

Handschriftlicher Bericht für das Untergrundarchiv des Warschauer Gettos, aufgezeichnet

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  • 1939
 
  • 1940
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  • Grenze Staatsgrenzen und Grenzen der Unionsrepubliken der UdSSR 1938–1941
  • Grenze Deutsch-sowjetische Demarkationslinie im besetzten Polen vom 28. Sept.1939
  • Grenze Grenze zwischen den eingegliederten Gebieten und dem Generalgouvernement

Handschriftl. Bericht für das Untergrundarchiv des Warschauer Gettos, aufgez. ca. Ende 1940


[…]

Am 4. November 1939 gingen Gestapoleute von Haus zu Haus und gaben bekannt, dass sich alle Juden am 7. November am zentralen Sammelplatz in Buk in der Synagoge und im Gebäude des katholischen Gemeindezentrums einzufinden hätten. Sie dürften Bettzeug und Winterkleidung sowie 200 Złoty pro Familie mitnehmen. Einen ganzen Monat lang blieben die Juden aus den genannten Orten in Buk.

[…]

Die Ausgesiedelten lebten in Buk in ständiger Angst. Nächtelang ließ man sie nicht schlafen. […] Ständig wurde gedroht, dass jeder erschossen werde, der Fremdwährung oder mehr Bargeld als vorgeschrieben besitze. Die Wohlhabenderen lieferten Geld ab. Der Polizeiobermeister gestattete eine gemeinsame Küche, eröffnete ein Konto beim Fleischer und bei einer der Genossenschaften, die für das abgelieferte Geld Lebensmittel brachten, aus denen gute Mittagsmahlzeiten zubereitet wurden. Dann folgte die zweite Verordnung: Auch das polnische Geld sei abzugeben und in deutsche Mark umzutauschen. Das Bargeld wurde vorerst einbehalten. Man befahl den Juden, sich in einigen Tagen wieder zu melden, doch erfolgte schon kurze Zeit später der Abtransport, und das Geld der Leichtgläubigen war weg.

Am 7. November wurde pro Person ein halbes Pfund Butter ausgegeben und Fleisch gekocht, […] aber das gesamte Gepäck […] [in Verwahrung genommen, selbst das] Bettzeug und die Weißwäsche [...], das man anfangs [...] behalten [durfte]. Nun hieß es, [...] [sie] würde später nachgeschickt. Das Militär umstellte den Weg [zum Bahnhof], und die Juden wurden in stinkende Waggons getrieben und zusammen mit Kranken und Alten nach Grodzisk Wkp. transportiert. Hier waren auf dem Bahnhof schon einige tausend Polen versammelt. Die Wachmannschaften bestanden aus Selbstschutz und SA. Schon hier wollte man die Juden von den Polen trennen, doch den Marsch zum 5 km von Grodzisk Wkp. entfernten Lager Südhof gingen die Polen mit den Juden gemeinsam. Dicke Regentropfen fielen. Ein unaufhörlicher Zug schob sich durch die Stadt. Die Umstehenden weinten. Das Lagergelände war von drei unter Hochspannung stehenden Drahtzäunen umgeben. In diesem Stacheldraht kamen zwei Ausgesiedelte um. Sie wurden auf dem katholischen Friedhof in Grodzisk Pozn. beerdigt, denn der jüdische war schon eingeebnet worden. In Südhof, in einer finsteren Barackenecke, starb auch der reiche Industrielle Leopold Kohn aus Zbąszyn. Die Menschen wurden in düstere Lager eingewiesen, Polen und Juden getrennt. Die Polen erhielten Mahlzeiten, die Juden nicht. Nach drei Tagen kam der Stadtkommissar. Er sprach mit Juden immer nur in der dritten Person und rief: „Heraus mit dem Judendreck!“ Nach einer halben Stunde standen alle abfahrbereit. Hier gab es abermals eine Überprüfung, einigen wurde ihr letztes Geld abgenommen, dann wurden sie unter Bewachung der SA nach Młyniewo abgeführt. Die Juden wurden in Güterwaggons verladen, Frauen mit Kindern von den Männern getrennt, die Polen hingegen in Personenwaggons. Die Waggons wurden verplombt und mit Kübeln versehen. Sie sollten nach Wolhynien fahren. Hausbesitzern aus dem Gebiet Posen wurde versprochen, ihnen würden in Wolhynien ähnliche Liegenschaften übergeben wie die, die sie hatten verlassen müssen. Leere Versprechungen!

Drei Tage und Nächte fuhren sie ohne Unterbrechung. Einige Bahnstationen passierten sie zweimal. Sie fuhren über Kutno, Warschau und Otwock. Manchmal raste der Zug mit hoher Geschwindigkeit, als stürze er in einen Abgrund. Zweimal wollte man sie ausladen, doch die örtlichen Behörden erlaubten es nicht. Nach drei Tagen wurden die Waggons geöffnet. Es stellte sich heraus, dass sie an der Bahnstation Szymanów bei Sochaczew waren. Hier verließ sie die Wachmannschaft und kehrte mit denselben Waggons zurück, während uns [der Weg nach] „Niepokolanowo“ gezeigt wurde, wo wir uns ansiedeln sollten.

[…]