Dok. 09-241
Szmul Zygielbojm, jüdischer Delegierter der polnischen Exilregierung in London, legt am 11. Mai 1943 seine Gründe dar, warum er sich das Leben nimmt

Ich erlaube mir, meine letzten Worte an

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Szmu(e)l Mordechai Zygielbojm, auch Zygelbojm, Deckname Artur (1895–1943), Handschuhmacher, Gewerkschafter; stammte aus einem chassidischen Elternhaus, von 1924 an Mitglied im Zentralausschuss des Bunds, 1938 in den Stadtrat von Lodz gewählt; im Jan. 1940 Flucht aus Polen nach Frankreich, im Sept. in die USA, von März 1942 an für den Bund im Nationalrat der poln. Exilregierung in London; nahm sich dort am 12.5.1943 das Leben

 

Władysław Raczkiewicz (1885–1947), von 1939 bis 1947 poln. Staatspräsident im Exil. 

Brief

 

Herr Staatspräsident,

Herr Ministerpräsident,

ich erlaube mir, meine letzten Worte an Sie – und durch Sie an die Regierung und die Bevölkerung Polens, an die Regierungen und Völker der verbündeten Staaten und an das Gewissen der Welt – zu richten:

Die letzten Nachrichten aus dem Land lassen keinen Zweifel daran, dass die Deutschen bereits damit begonnen haben, die noch in Polen verbliebenen Juden mit all ihrer skrupellosen Grausamkeit zu ermorden. Hinter den Gettomauern spielt sich gegenwärtig der letzte Akt einer Tragödie ab, die in der Geschichte ohnegleichen ist.

Die Verantwortung für das Verbrechen, den Mord an der gesamten jüdischen Volksgruppe Polens, liegt vor allem bei den Verbrechern selbst, aber mittelbar lastet sie auch auf der ganzen Menschheit, auf den Völkern und Regierungen der verbündeten Staaten, die sich bis zum heutigen Tag nicht zu konkreten Maßnahmen durchgerungen haben, um diesem Verbrechen ein Ende zu setzen. Dass sie dem Mord an Millionen wehrloser und gequälter Kinder, Frauen und Männer tatenlos zusahen, macht sie mitschuldig.

Ich muss auch feststellen, dass die Polnische Regierung, obwohl sie sehr viel dazu beigetragen hat, die öffentliche Meinung in der Welt zu beeinflussen, längst nicht genug getan hat. Denn sie hat sich nicht zu etwas so Außergewöhnlichem durchgerungen, das der Bedeutung des Dramas entsprochen hätte, das sich im Land abspielt.

Von den nahezu 3,5 Millionen polnischen Juden und den etwa 700.000 Juden, die aus anderen Ländern nach Polen deportiert wurden, lebten im April dieses Jahres laut offiziellen Meldungen der Führung des Bunds im Untergrund, die uns durch den Bevollmächtigten der Regierung zugeschickt wurden, noch etwa 300.000. Und der Mord wird pausenlos fortgesetzt.

Ich kann nicht schweigen und kann nicht leben, während auch noch die Letzten des einfachen jüdischen Volkes in Polen, deren Repräsentant ich bin, umgebracht werden.

Meine Genossen im Warschauer Getto sind mit der Waffe in der Hand gefallen, in einem letzten, heldenmütigen Aufbegehren.

Es war mir nicht vergönnt, so wie sie und mit ihnen gemeinsam zu sterben. Aber ich gehöre zu ihnen, in ihre Massengräber.

Durch meinen Tod will ich meinen schärfsten Protest gegen die Tatenlosigkeit zum Ausdruck bringen, mit der die Welt sehenden Auges zulässt, dass das jüdische Volk ausgerottet wird. Ich weiß, wie wenig ein Menschenleben wert ist, insbesondere heutzutage. Aber wenn es mir auch zu Lebzeiten nicht gelungen ist, diejenigen aus ihrer Gleichgültigkeit herauszureißen, die handeln können und müssen, damit diese Handvoll noch am Leben gebliebener Polnischer Juden jetzt, möglicherweise im letzten Augenblick, vor der unabwendbaren Vernichtung gerettet wird, so kann ich vielleicht mit meinem Tod dazu beitragen.

Mein Leben gehört dem einfachen jüdischen Volk in Polen, daher gebe ich es hin. Möge diese Handvoll, die von den Millionen polnischer Juden noch übrigblieb, gemeinsam mit den polnischen Massen die Befreiung erleben, damit sie im Land und in einer Welt sozialistischer Freiheit und Gerechtigkeit aufatmen kann und entschädigt wird für all ihre Qualen und übermenschlichen Leiden. Ich glaube fest daran, dass eben solch ein Polen entstehen und eben solch eine Welt kommen wird.

Ich vertraue darauf, dass Sie, Herr Staatspräsident, und Sie, Herr Ministerpräsident,

meine obigen Worte all jenen ausrichten werden, für die sie bestimmt sind, und dass die Polnische Regierung auf dem Feld der Diplomatie und der Propaganda sogleich entsprechende Schritte unternimmt, um diese Handvoll noch lebender polnischer Juden vor der Vernichtung zu bewahren.

Ich nehme Abschied von allen und allem, was mir einmal lieb und teuer war.