Dok. 09-213
Die Jugendliche Klara Szwarc schildert das Überleben im Versteck in Żółkiew zwischen November 1942 und Januar 1943

Schließlich kommt der denkwürdige

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Klara Szwarc (*1927) war Schülerin; sie wanderte nach 1945 in die USA aus und nannte sich dort Clara Schwarz; nach ihrer Heirat hieß sie Kramer.

 

Vermutlich Leon Patrontasch (1904–1943), Unternehmer; 1942 ein Mitarbeiter des Vaters von Klara Szwarc in dessen Ölmühle; er stammte aus Żółkiew, wo er 1943 umkam. Vor dem Sept. 1939 war eine Mühle in der Lwowska-Straße 43 im Besitz der Familie Patrontasch gewesen.

 

Mehlman (oder Melman) war ein Mitarbeiter des Vaters von Klara Szwarc, des Ingenieurs Meir Szwarc (1886–1959), in der von ihm geleiteten Ölmühle gewesen; deren Inhaber war vor 1939 der Großvater mütterlicherseits von Klara Szwarc, Szymon Reitzfeld (gest. 1941).

 

Vermutlich Szyja Britwic (1898–1943), Holzhändler; er stammte aus Żołkiew, wo er 1943 umkam.

 

Klaras Mutter war Salka Szwarc (1904–1996), Hausfrau; Mania Szwarc (1928–1943) war die jüngere Schwester von Klara Szwarc; sie wurde ermordet.

 

Vermutlich Herr Mehlman mit seiner Frau Batia und dem Sohn Igo sowie Leon Patrontasch mit seiner Ehefrau und der Tochter Klara.

 

Josef Lockman, auch Lukman (1895–1942), Händler; er stammte aus Bełz, lebte dann in Żółkiew, wo er mit Szprynca Patrontasch (1896–1943) verheiratet war.

 

Leib (Lajbek) Patrontasch wurde ermordet.

 

Rachel (Ućka) Orlender, geb. Reitzfeld (1914–1943), Hausfrau; sie war die jüngste Schwester der Mutter von Klara Szwarc und wurde ermordet.

 

Kohn und Trachtenberk waren Cousins des verstorbenen Ehemanns von Rachel Orlender.

 

Zosia: Tochter von Rachel Orlender und deren Ehemann Hersz (Herman) Leib Orlender, der im Juni 1941 zur Roten Armee rekrutiert und dann in Tarnopol umgekommen war.

 

Rela Reitzfeld, geb. Schrenkenhammer (1924–1943) und Josef (Josek) Reitzfeld
(1911–1943); Rela und ihr einjähriger Sohn wurden ermordet.

 

Pepi (Pepka) Lichter, geb. Patrontasch (1910–1942), Hausfrau.

 

Letzterówna", Klara Letzter.

Handschriftl. Tagebuch

 

Schließlich kommt der denkwürdige 22. November. Wir übernachteten bei Mehlman, denn am Samstag, d.h. einen Tag vorher, war Panik entstanden: Die Stadt sei von Gestapo umstellt, hieß es. Es ist 5 Uhr früh, wir liegen alle noch im Bett, nur Patrontasch geht wie immer auf Patrouille. Kurze Zeit später kommt er zurück und weist uns an, Vorkehrungen [zum Untertauchen] zu treffen, denn zwei Autos mit Gestapo und jüdischer Miliz (Lemberger Ordnungsdienstmänner) seien auf dem Weg Richtung Marktplatz. Er geht noch einmal hinaus, kommt aber bald zurückgelaufen. Eine Aktion! Er hat gesehen, wie Leute abgeführt werden, man hört Schüsse, vor den Fenstern rennen Gestapoleute umher. Es ist zu spät, um zur Ölmühle zu laufen, nur Herr Mehlman läuft über den Hof, um dem Nachbarn Brytwitz Bescheid zu geben. Was sich dort abspielt, ist ein wahres Wunder. Als Mehlman hereinstürzt, sitzen sie [die Nachbarn] ahnungslos und in aller Ruhe beim Frühstück. Kaum haben sie es geschafft, das Versteck zu öffnen, als schon einer von der Gestapo an die Tür klopft. Mehlman flüchtet durch den Hinterausgang, und Brytwitz versperrt die Tür so lange, bis das Versteck verschlossen ist; dann gibt er die Tür frei und flüchtet, um den Gestapomann abzulenken, der ihm hinterherläuft. Der Vater musste sich für die Familie opfern (das alles haben wir [später] von Brytwitz selbst gehört, denn er war [vom Deportationszug] abgesprungen und zurückgekehrt). Währenddessen gingen wir, d.h. meine Eltern, meine Schwester und ich, Mehlman mit Frau und Kind, Patrontasch mit Frau und Kind, in das Versteck, das sich unter dem Fußboden befindet. Wir sitzen im Dunkeln, ein, zwei Tage, die Kerze will wegen Sauerstoffmangels nicht brennen (unsere Notdurft verrichten wir an Ort und Stelle). Am zweiten Tag gegen Abend wagen sich Patrontasch und Mehlman hinaus, um zu sehen, was los ist. Nach ein paar Minuten, die uns wie eine Ewigkeit erscheinen, kommen sie zurück. Die Aktion ist noch im Gang. Gerade jetzt haben sie Lockman (einen Nachbarn) erschossen, der zu fliehen versuchte. Wir blieben noch eine Nacht unten. Wir im Versteck und Patrontasch unter dem Fußboden in der Nähe der Lüftungsklappe. Gegen Morgen kam Patrontaschs Bruder Lajbek in die Nähe der Lüftungsklappe (er wusste nicht genau, wo sich das Versteck befand, deshalb suchte er). Lajbek war Ordnungsdienstmann. Patrontasch rief ihn herbei und erfuhr, dass die Aktion schon vorüber ist und der Zug abfährt. Zur Sicherheit bleiben wir noch eine Stunde sitzen und gehen dann hinaus. Im Haus begegnen wir Tante Ućka mit ihren Kindern und […] Kohn und Trachtenberk (zwei Vettern von Ućka). Das Versteck von Ućka bei einem Arier (Skibicki) in der Scheune hat sich also bewährt. Dort saß nachts auch eine Freundin mit ihrem Kind, Ućka hatte sie zu sich gerufen, als sie hilflos auf der Straße herumlief. Das Kind dieser Frau weinte, es bekam das Beruhigungsmittel, das für Zosia vorgesehen war, aber Zosia war still. Onkel Josek und seine Frau waren im Versteck in der Ölmühle. Ihr Kind, einen Jungen von einem Jahr, hatten sie einen Tag vorher einem Arier übergeben.

In der Stadt Verwüstung, Weinen und Wehklagen. Mit Fuhrwerken werden die Leichen weggebracht, es sind die Leichen derjenigen, die man an Ort und Stelle erschossen hat (weil sie geflüchtet oder aufgestanden waren, als sie auf Befehl der Gestapoleute auf dem Marktplatz hatten knien müssen), und derjenigen, die beim Abspringen [vom Zug] zu Tode gekommen, erfroren, vor Hunger gestorben oder von den Bauern der Umgebung ausgeliefert und dann erschossen worden waren. Rela (Joseks Ehefrau) wurde die Mutter, der Bruder und die Schwägerin genommen. Die Schwägerin kam zurück, die anderen nicht. Die Patrontaschs verloren die Schwester Pepka und deren Kind (sie war zum Versteck bei einer Katholikin gelaufen, aber die wollte sie im entscheidenden Augenblick nicht hereinlassen). […] Meine Freundin Letzterówna und ihre Eltern wurden ebenfalls mitgenommen. Sie ist mit ihrer Mutter abgesprungen, der Vater ist nicht zurückgekommen.

Eine Woche danach wird uns befohlen, ins Getto umzuziehen. Vater beschließt, nicht ins Getto zu gehen, sondern sich bei irgendeinem Arier zu verstecken. […] Herr Mehlman vereinbart mit einem Volksdeutschen, dem Herrn Beck, Mieter im Haus von Mehlman, dass er uns und die Patrontaschs ins Versteck aufnimmt. In der Stadt lassen wir die Nachricht verbreiten, der Bruder von Herrn Mehlman, der im Janowska-Lager in Lemberg über Einfluss verfügt, hätte uns zu sich genommen, und wir verschwinden. Wir vergrößern das Versteck, das direkt unter dem Fußboden in dem Zimmer ist, wo sich die Klappe befindet; elektrisches Licht wird installiert, es werden zwei elektrische Kochplatten bereitgestellt und Schlafstellen vorbereitet, dann gehen wir hinein. Außer uns zehn kommt noch Frau Klara mit, die Schwester von Patrontasch. Monoton gehen die Tage dahin, ein Tag gleicht dem anderen. Die Frauen kochen oben gemeinsam, nur Frühstück und Abendessen machen wir unten. Jeder wäscht sich einmal in der Woche oben in der Küche, denn im Versteck ist es kalt. Solche Menschen wie Herrn und Frau Beck trifft man selten, sie sind sehr höflich zu uns. Ihre Familie besteht aus Herrn und Frau Beck, ihrer Tochter Ala und Mania, der Schwester von Frau Beck. Am Heiligen Abend wurden wir zum Abendessen nach oben eingeladen. Es war fröhlich, wir sangen Weihnachtslieder und vergaßen unsere Sorgen. Zwar mussten wir uns einmal verstecken, weil jemand klopfte, aber das machte nichts, wir waren das gewohnt. […]