Dok. 09-125
Der Unteroffizier Wilhelm Cornides notiert am 31. August 1942, was er bei den Deportationen von Juden nach Bełżec beobachtet und gehört hat

Im Zug von Rawa-Ruska nach Cholm. Als wir um

16 Uhr 40

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  • 1942
 
  • 1943

Wilhelm Cornides (1920–1966), Herausgeber; 1938 Aufenthalt in Großbritannien, danach im Arbeitsdienst; von 1939 an Kriegsteilnahme, bei einer Dolmetscherkompanie in Kriegsgefangenenlagern tätig, im Winter 1942/43 Studienurlaub in Wien; von 1946 an Mitherausgeber der Zeitschrift Europa-Archiv, 1955 Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

 

Reinhard Heydrich (1904–1942), Berufssoldat; 1922–1931 bei der Reichsmarine; 1931 NSDAP- und SS-Eintritt; von 1932 an Leiter des SD bzw. des SD-Hauptamts, von 1934 an Chef des Gestapa (Geheimen Staatspolizeiamtes) in Berlin, 1936–1942 Chef der Sicherheitspolizei und des SD, 1939–1942 Leiter des RSHA (Reichssicherheitshauptamtes), von Sept. 1941 an zugleich stellv. Reichsprotektor von Böhmen und Mähren; an den Folgen eines Attentats in Prag am 4.6.1942 gestorben. 

Aufzeichnungen

 

[…]

Im Zug von Rawa-Ruska nach Cholm 17 Uhr 30:

Als wir um 16 Uhr 40 einstiegen, lief gerade ein leerer Transportzug ein. Ich bin zweimal entlanggegangen und habe gezählt; es waren 56 Waggons. Auf den Türen standen Nummern mit Kreide aufgezeichnet, 60, 70, einmal 90, manchmal 40, wohl die Zahl der Juden, die darin befördert worden waren.

Im Abteil sprach ich mit der Frau eines Bahnpolizisten, die zur Zeit auf Besuch bei ihrem Mann hier ist. Sie sagt, daß diese Transporte jetzt täglich durchkommen, manchmal auch mit deutschen Juden. Gestern seien auf der Strecke 6 Kinderleichen gefunden worden. Die Frau meint, die Juden hätten diese Kinder selbst umgebracht, wahrscheinlich sind sie wohl auf der Reise umgekommen. Der Bahnpolizist, der als Zugbegleiter mitfährt, stieg in unser Abteil. Er bestätigte die Aussagen der Frau über die Kinderleichen, die gestern auf der Strecke gefunden wurden. Ich fragte: „Wissen denn die Juden, was mit ihnen geschieht?“ Die Frau antwortete: „Die, die von weiterher kommen, werden wohl nichts wissen, aber hier in der Nähe wissen sie es schon. Da versuchen die dann auch wegzulaufen, wenn sie merken, daß sie geholt werden. So z. B. neulich in Cholm, wo man 3 auf dem Weg durch die Stadt erschossen hat.“ „In den Bahnpapie­ren laufen diese Züge unter dem Namen Umsiedlungstransporte,“ bemerkte der Bahnpolizist. Er sagte dann noch, daß nach der Ermordung Heydrichs mehrere Transporte mit Tschechen durchge­kommen waren. Das Lager Belzec soll direkt an der Bahn liegen, die Frau hat versprochen, es mir zu zeigen, wenn wir vorbeifahren. […]

18 Uhr 20:

Wir sind am Lager Belzec vorbeigefahren. Vorher ging es längere Zeit durch hohe Kiefernwälder. Als die Frau rief „jetzt kommt es“ sah man nur eine hohe Hecke von Tannenbäumen. Ein starker süßlicher Geruch war deutlich zu bemerken. „Die stinken ja schon,“ sagte die Frau. „Ach Quatsch, das ist ja das Gas“, lachte der Bahnpolizist. Inzwischen – wir waren ungefähr 200 Meter gefahren – hatte sich der süßliche Geruch in einen scharfen Brandgeruch verwandelt. „Das ist vom Krematorium“, sagte der Polizist.

Kurz darauf hörte der Zaun auf. Man sah ein Wachhaus mit SS-Posten davor. Ein doppeltes Bahngleis führte in das Lager hinein. Das eine Geleis war eine Abzweigung von der Hauptstrecke, das andere führte über eine Drehscheibe aus dem Lager zu einer Reihe von Schuppen, die ungefähr 250 Meter davon entfernt standen. Auf der Drehscheibe stand gerade ein Güterwagen. Mehrere Juden waren damit beschäftigt die Scheibe zu drehen. SS-Posten, das Gewehr unter dem Arm, standen daneben. Einer der Schuppen war offen, man konnte deutlich sehen, daß er mit Kleiderbündeln bis an die Decke gefüllt war. Beim Weiterfahren schaute ich noch einmal zum Lager zurück. Der Zaun war zu hoch, als daß man irgendetwas hätte sehen können. Die Frau sagte, daß man manchmal beim Vorbeifahren aus dem Lager Rauch aufsteigen sieht, ich konnte jedoch nichts dergleichen bemerken. […]