Dok. 09-089
The New York Times: Artikel vom 2. Juli 1942 über Gaskammern und den Judenmord in Ostgalizien

Alliierte werden aufgefordert, Nazis hinzurichten. Bericht über

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Szmu(e)l Mordechai Zygielbojm, auch Zygelbojm, Deckname Artur (1895–1943), Handschuhmacher, Gewerkschafter; stammte aus einem chassidischen Elternhaus, von 1924 an Mitglied im Zentralausschuss des Bunds, 1938 in den Stadtrat von Lodz gewählt; im Jan. 1940 Flucht aus Polen nach Frankreich, im Sept. in die USA, von März 1942 an für den Bund im Nationalrat der poln. Exilregierung in London; nahm sich dort am 12.5.1943 das Leben.

Alliierte werden aufgefordert, Nazis hinzurichten. Bericht über Massaker an Juden in Polen provoziert Forderungen nach ebensolcher Behandlung der Deutschen. Dem Reich muss Einhalt geboten werden. „Dies ist der einzige Weg, Millionen vor der sicheren Vernichtung zu bewahren“, heißt es in dem Appell
Per Funk an die New York Times

London, 1. Juli. Die Polnische Regierung in London ist in einem Bericht über die Massaker an 700.000 Juden in den deutsch besetzten Gebieten eindringlich aufgefordert worden, an die Regierungen der Alliierten zu appellieren, Vergeltungsmaßnahmen in die Wege zu leiten, die die Deutschen zwingen, das Morden einzustellen. […]
Dieser Bericht […] gelangte über Untergrundkanäle nach London. Szmul Zygielbojm, ein führender jüdischer Sozialist und Mitglied des Polnischen Nationalrats in London, nahm den Bericht entgegen und verbürgte sich für dessen Glaubwürdigkeit. […]

700.000 Opfer aufgelistet
Der Bericht wird durch Informationen gestützt, die hier weiteren jüdischen Kreisen und auch der polnischen Regierung zur Kenntnis gelangt sind. Die genannte Zahl von 700.000 durch die Deutschen seit der Besetzung ermordeten Juden – das ist ein Fünftel der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens – schließt vermutlich zahlreiche Opfer ein, die aufgrund von Misshandlungen in den Konzentrationslagern, durch Hungertod in den Gettos oder aufgrund der unerträglichen Zustände bei der Zwangsarbeit ums Leben kamen.
Dies sind die wichtigsten Fakten des Berichts:
Vom ersten Tag der deutsch-sowjetischen Besetzung Ostpolens an setzten die Deutschen die Vernichtung der Juden in die Tat um. Sie begannen damit im letzten Sommer in Ostgalizien. Männliche Personen zwischen 14 und 60 Jahren wurden auf öffentlichen Plätzen und Friedhöfen zusammengetrieben, gezwungen, ihre eigenen Gräber auszuheben und anschließend mit Maschinengewehren niedergemäht oder mit Handgranaten getötet.
Kinder aus Waisenhäusern, alte Menschen aus Altenheimen, die Kranken aus den Krankenhäusern und Frauen wurden auf den Straßen ermordet. An vielen Orten wurden Juden zusammengetrieben und mit unbekanntem Zielort deportiert oder in den nahegelegenen Wäldern niedergemetzelt.
In Lemberg wurden 35.000 ermordet; 15.000 in Stanislau; 5000 in Tarnopol; 2000 in Złoczów. In Brzeżany sind von 18.000 Juden nur noch 1700 übrig geblieben. Die Massenmorde in Lemberg dauern immer noch an.
Im vergangenen Herbst wurden die Massaker an den Juden auf die Gebiete Wilna und Kaunas ausgedehnt. Bis November wurden in Wilna 50.000 ermordet, nur 12.000 blieben am Leben. In diesen beiden Gebieten beläuft sich die Zahl der von den Deutschen Ermordeten auf 300.000.
Gleichzeitig begann ein Massaker im Gebiet Słonim in Ostpolen. 9000 wurden in der Stadt Słonim ermordet, 6000 in Baranowicze. In Wolhynien begann das Morden im November, und innerhalb von drei Tagen wurden im Kreis Równe 15.000 niedergemetzelt.
Es werden Gaskammern benutzt
Zu Beginn des Winters trieben die Deutschen ihr Vorhaben, alle Juden auszurotten, weiter systematisch voran. Sie schickten spezielle Gaskammern auf Rädern nach Westpolen, ein Gebiet, das dem Reich eingegliedert worden war. In dem Dorf Chełmno bei Koło wurden jeweils neunzig Personen auf einmal in die Gaskammern getrieben. Die Opfer wurden in Gräbern, die diese selbst ausheben mussten, im nahegelegenen Wald von Lubarski begraben.
Zwischen November 1941 und März 1942 wurden jeden Tag etwa 1000 Menschen vergast, die aus Koło, Dąbie, Izbica und weiteren Gemeinden stammten. Das Gleiche geschah mit 35.000 Juden in Lodz zwischen dem 2. und 9. Januar. 2000 Zigeuner wurden vergast. Es handelte sich bei ihnen vermutlich um jugoslawische Gefangene und Terroristen.
Im Februar erreichte die Mordkampagne Gebiete des Generalgouvernements in Zentralpolen, in Tarnów, Radom und Lublin. 25.000 wurden mit unbekanntem Ziel aus Lublin deportiert. Man hat seither nichts mehr von ihnen gehört. Einige wenige wurden im Vorort Majdanek inhaftiert; die anderen sind verschwunden. In Lublin sind keine Juden mehr übrig geblieben.
In Warschau wurde in der Nacht des 17. April im Getto ein Blutbad angerichtet. Die Gestapo durchsuchte Wohnungen, und Juden aus allen Gesellschaftsschichten wurden nach draußen gezerrt und ermordet.
„Dies zeigt“, schließt der Bericht, „dass die verbrecherische deutsche Regierung Hitlers Drohung wahr macht, dass – wer auch immer [den Krieg] gewinnen wird – alle Juden ermordet werden.“