Dok. 09-066
Die polnische Heimatarmee berichtet im April 1942 über die systematische Ermordung der Juden im Vernichtungslager Belzec

Das Lager in Belzec. Seit einigen Wochen werden die Juden

  • Chronologie
  • Orte
  • Personen
  • Stichworte
  • Skript
 
  • Dummy Pfeil Links
 
  • 1942

Christian Wirth (1885–1944), Polizist; von 1910 an bei der Polizei, 1922 und 1931 NSDAP-, 1933 SA- und 1939 SS-Eintritt; 1940/41 Büroleiter in mehreren Mordanstalten der „Euthanasie“-Aktion; von Sept. 1941 an beim SSPF (SS- und Polizeiführer) Lublin, baute das Vernichtungslager Belzec auf und war dessen erster Kommandant; von Aug. 1942 an Inspekteur der Lager „Einsatz Reinhardt“; seit Sept. 1943 im Raum Triest an Mordaktionen beteiligt; von Partisanen bei Rijeka erschossen.

Trzcina                                                                                                         Anhang Nr. I

Das Lager in Belzec

 

Seit einigen Wochen werden die Juden terrorisiert. Täglich werden Juden geschlagen und erschossen. Sie haben Angst vor dem Transport in das Lager Belzec. Das Lager wurde einige Tage vor dem 17.3.1942 völlig fertiggestellt.

An diesem Tag begann der Abtransport der Juden per Bahn aus Richtung Lemberg und Warschau.

Am ersten Tag kamen fünf Transporte an und später je ein Zug aus beiden Richtungen. Der Transport wird in Belzec auf ein Nebengleis in Lagernähe umgeleitet. Nach halbstündiger Entladung fährt der Zug leer zurück. Das Zugpersonal besteht aus Deutschen, der einzige Pole, ein Heizer, steigt an der Station vor dem Abbiegen auf das Nebengleis aus.

Beobachter aus der Bevölkerung (das Lager befindet sich in Sicht- und Hörweite der Bewohner der Bahnhofsgebäude) kamen alle zu ein und demselben Schluss: dass die Juden im Lager massenhaft umgebracht werden. Das belegen folgende Fakten:

1. Vom 17.3. bis zum 13.4. kamen 52 Transporte im Lager an (ein Transport besteht aus 18-35 Güterwaggons mit durchschnittlich 1500 Personen).

2. Die Juden werden nicht wieder aus dem Lager weggebracht, weder tagsüber noch nachts.

3. In das Lager werden keinerlei Nahrungsmittel geliefert (für die Juden, die beim Bau des Lagers gearbeitet hatten, waren zuvor Brot und andere Nahrungsmittel geliefert worden).

4. Kalk wird ins Lager gebracht.

5. Die Transporte kamen immer zur gleichen Zeit ins Lager. Vor der Ankunft des Transports sieht man im Lager keine Juden.

6. Nach jedem Transport verlassen etwa zwei Waggons mit Kleidung das Lager, die im Eisenbahnmagazin gelagert werden (die Kleidung wird vom Selbstschutz gestohlen).

7. Auf dem Lagergelände hat man Juden in Unterwäsche gesehen.

8. Auf dem Lagergelände befinden sich drei Baracken, die nicht einmal ein Zehntel der Juden aufnehmen können.

9. In der Umgebung des Lagers entwickelt sich an wärmeren Tagen ein starker Gestank.

10. Die Mitglieder des Selbstschutzes bezahlen für den Wodka, den sie in großen Mengen trinken, jede geforderte Summe, oft mit Uhren und Schmuck.

11. Es kamen Juden nach Bełżec, die einen Zeugen suchten, der bestätigen würde, dass die Juden umgebracht werden. Sie waren bereit, dafür 120.000 Złoty zu zahlen. Einen Interessenten haben sie nicht gefunden.

Welchen Tod die Juden im Lager sterben, ist nicht bekannt. Es gibt drei Vermutungen: 1. durch elektrischen Strom, 2. durch Gase, 3. durch Luftentzug mithilfe von Absaugpumpen.

Zu 1: Es gibt keine leistungsfähige Stromquelle.

Zu 2: Weder wurde eine Zufuhr von Gas beobachtet, noch wurden Rückstände von Gas nach Durchlüftung der Räume bemerkt.

Zu 3: Hier gibt es keine Anhaltspunkte, die dagegensprächen. Es wird hingegen bestätigt, dass in einer der Baracken, während des Baus der Wände, der Fußboden mit grobem Blech ausgelegt wurde (wahrscheinlich planmäßig).

Auf dem Lagergelände wurden im Herbst großflächig Gruben ausgehoben. Damals vermutete man, daraus würden unterirdische Lagerräume entstehen. Heute ist der Zweck dieser Arbeiten klar. Aus der abgedichteten Baracke, in die die entkleideten Juden, angeblich zur Desinfektion, getrieben werden, führt ein Schmalspurgleis zu diesen Gruben. Es wurde beobachtet, wie mit dieser Kleinbahn Juden ihre „desinfizierten“ Stammesverwandten in ein Massengrab transportierten.

In Belzec hat man für dieses jüdische Lager den Begriff „Totenlager“ gehört. Die Lagerleitung liegt in den Händen von zwölf SS-Männern (Komm.[andant] Hauptmann Wirth), die von 40 Leuten vom Selbstschutz unterstützt werden.