Dok. 07-040
Der Schüler Roman Kravčenko beschreibt in seinen Tagebucheinträgen vom Juli 1941 die Situation der Juden in Kremenec (Krzemieniec)

Morgens war ich in der Stadt. Ich habe F.

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Roman Kravčenko-Berežnoj (1926–2011); 1944 Eintritt in die Rote Armee als Soldat in der 356. Schützendivision der 61. Armee; 1945–1950 Militärdolmetscher in Deutschland, arbeitete anschließend im Bergbau, bis 1955 Studium der Geologie in Lemberg, danach Mitarbeiter der Kol’sker Physikalischen Akademie der Wissenschaften.

 

Frida Brojtman (1926–1942), Schülerin, eine Jugendfreundin und Klassenkameradin des Autors, im Aug. 1942 bei einer Massenerschießung am Stadtrand von Krzemieniec ermordet.

Handschriftl. Tagebuch

 

13. Juli 1941

Morgens war ich in der Stadt. Ich habe F. besucht, und wir sind gemeinsam zu den Lembergs gegangen. Nach den letzten Pogromen herrscht bei denen zu Hause noch ein totales Durcheinander. Danach sind wir zu N.B. gegangen. F. begleitete mich zu mir nach Hause. Sie nahm einige Rosen mit, wollte aber nicht lange bleiben, weil auch bei ihnen zu Hause ein Durcheinander herrscht und man sie nicht aus dem Haus lassen will. Sie besuchte mich also „illegal“. Meine „Freunde“ lachen mich aus, weil ich mit einer „Jüdin“ gehe. Nun beginne ich tatsächlich zu erkennen, wer mein wahrer Freund und wer nur ein „Freund“ ist. Von mir aus sollen sie lachen, das fällt letztlich auf sie selbst zurück. Es gibt ein gutes Sprichwort: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das folgende Gespräch geführt:

– Haben sie deine Hübsche noch nicht erschlagen?

– Nein.

– Nein? (enttäuscht) Aber du wirst doch nicht mehr mit ihr gehen?

– Doch, warum sollte ich nicht mehr mit ihr gehen?

– Aha! – und ohne sich zu verabschieden ging der „Kamerad“ davon.

Meine Erinnerungen werde ich heute Abend fortsetzen, jetzt habe ich keine Lust dazu. Ich habe aus „gut informierten Kreisen“ erfahren, dass die USA in den Krieg eingetreten sind. Die Zukunft wird es zeigen.

Es gibt immer mehr neue Aufrufe. Unter anderem habe ich den Appell des Metropoliten Aleksij gelesen, er verkündet dort „unseren allgütigen Segen“ und das „Emporsteigen auf den Thron“. Wieso will das Volk bloß solchen Stuss hören? In diesen Aufrufen wird die UdSSR als „Moskauer Imperium“ bezeichnet. Wenn dem so ist, dann sollten die russischen Monarchisten jetzt zufrieden sein: Sie haben doch noch die Errichtung des Imperiums erlebt. Die Sowjetmacht findet in ihnen nun eifrige Anhänger. Das wäre doch pfiffig! Vorgestern habe ich ein sowjetisches Flugzeug gesehen. Es flog sehr hoch und wurde beschossen, aber nicht getroffen. Deshalb denke ich, dass die Lage an der Front gar nicht so schlecht aussieht: Wenn sie es noch schaffen, bis nach Kremenec zu fliegen. Ich glaube, heute werde ich nichts mehr schreiben. Ständig kommt jemand rein, und ich kann mich nicht „konzentrieren“.

[…]

17. Juli 1941

Morgens war ich bei F. In der Stadt hängt ein Erlass aus, nach dem alle Juden eine weiße Binde mit einem sechszackigen Stern auf dem Ärmel tragen müssen. Sie werden zu Sklaven Deutschlands gemacht. Meine arme F. – was wird nur aus ihr? Abends kamen Freunde vorbei, und wir haben Volleyball gespielt. Aus irgendeinem Grund bin ich in einer besonders schlechten Stimmung. Ich fühle, dass die Lage völlig ausweglos ist. Mir ist unglaublich schwer zumute, dieser Zustand verlässt mich nicht mal für eine Minute. Was wird als Nächstes kommen? Die Ukrainer benehmen sich übel, ziemlich frech, wenngleich das ihrem Charakter entspricht. Ich stand für Brot an. Die „Polizei“ (ich schäme mich, sie als Polizei zu bezeichnen, da diese Banditen, unter deren Jacken Messer hervorlugen, nicht als Polizei bezeichnet werden dürfen) wendet ohne Zögern Gewalt an. Wenn ich mir all das anschaue, dann steigt in mir eine solche Wut auf, dass ich sie alle eigenhändig aufhängen könnte. Wir haben gerade sehr schwierige Zeiten, die Frage ist, ob wir sie überleben werden? Und wie müssen sich erst die Juden und F. fühlen? […]