Dok. 01-006
Walter Gyssling beschreibt Ausschreitungen und Misshandlungen in München am 9./10. März 1933

Hinter uns liegt eine Nacht des Grauens. Es war

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Dr. Walter Gyssling (1903–1980), Journalist; Berufsoffizier, anschließend Studium; 1929 SPD-Eintritt; 1930–1933 leitender Mitarbeiter des Büros des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. zur Abwehr des Antisemitismus; März 1933 Flucht vor Verhaftung nach Basel.

 

Hermann Esser (1900–1981), Journalist; 1918 SPD- und 1920 NSDAP-Eintritt, 1921–1923 und 1925–1926 Propagandaleiter der NSDAP, 1923 Teilnahme am Hitler-Putsch, 1926–1932 Hrsg. des Illustrierten Beobachters; 1933–1935 bayer. Staatskommissar, dann Staatsminister ohne Geschäftsbereich (Leitung der Pressestelle und der Staatskanzlei), 1935–1945 Leiter der Fremdenverkehrsabteilung im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, von 1939 an Staatssekretär; 1945 in Nürnberg interniert, 1949 bei der Entnazifizierung von der Spruchkammer München als Hauptschuldiger eingestuft und zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, 1952 entlassen.

 

Franz Xaver Ritter von Epp (1868–1946), Berufsoffizier; 1887–1923 Militärlaufbahn, u. a. Einsatz in China und Deutsch-Südwestafrika, zuletzt als Generalleutnant; 1919 Führer des Freikorps Epp; 1928 NSDAP-Eintritt; 1933–1945 Reichsstatthalter in Bayern, 1934–1944 Reichsleiter des kolonialpolitischen Amts der NSDAP, 1936–1945 Bundesführer des Reichskolonialbunds; 1945–1946 interniert.

 

Ernst Röhm (1887–1934), Berufsoffizier; 1923 Teilnahme am Hitler-Putsch, dann Verabschiedung aus der Reichswehr; 1925 und 1930–1934 Führer der SA; 1928–1930 Militärinstrukteur in Bolivien; 1930 NSDAP-Eintritt; 1933–1934 bayer. Staatsminister, Reichsminister ohne Geschäftsbereich, Präsident des DAAD; am 30.6.1934 wegen eines angeblichen Putschversuchs ermordet.

 

Dr. Michael Siegel (1882–1979), Rechtsanwalt in München. 1940 Emigration nach Peru. Von dem Vorfall existiert ein häufig veröffentlichtes Foto, auf dem der von SA-Männern schwer misshandelte Siegel am 10. 3. 1933 barfuß und mit abgeschnittenen Hosenbeinen zu sehen ist. Um den Hals trug er ein Plakat mit der Aufschrift: „Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren“. Siegel hatte zuvor im Münchener Polizeipräsidium gegen die KZ-Haft eines Mandanten protestiert.

Tagebucheintrag vom 10. März 1933

 

Hinter uns liegt eine Nacht des Grauens. Es war schliesslich nicht anders zu erwarten. Wer die hemmungslosen Hetzreden gehört hat, die gestern Abend vor der Feldherrenhalle gehalten wurden, ist entsetzt, aber nicht überrascht. Die Esser, Epp, Röhm, und wie die „Führer“ noch alle heissen, haben unbedenklich Oel ins Feuer gegossen. Sie tragen Schuld an all den entsetzlichen Verbrechen, die heute Nacht geschahen. Die Arbeiterzeitungen zerstört, das Gewerkschaftshaus gestürmt, hunderte von kommunistischen und sozialdemokratischen Führern in Haft, es ist furchtbar, aber man ist daran schon irgendwie gewöhnt, zumal wenn man die Woche nach dem Reichstagsbrand in Berlin miterlebt hat. Aber dass blutgierige Verbrecher die Wohnungen friedlicher, unpolitischer Bürger stürmen, dass Menschen verschleppt, misshandelt werden, dass diesen Banden nichts, aber auch gar nichts heilig ist, das hat es bisher in Deutschland nicht gegeben. […]

Wir begeben uns zu den Geschäftsräumen eines bekannten jüdischen Vereins. Was wir dort sehen, ist ein Bild sinnloser Verwüstung. Türen und Fenster zerschlagen, die Telefonapparate und Möbel mit Axthieben zertrümmert, alles durcheinander geworfen. Die dort beschäftigten Angestellten erzählen uns bleich und weinend von dem Ueberfall. Was nicht niet- und nagelfest war, Akten, Bücher, Bureaumaschinen, Geld, alles war geraubt worden. Dort höre ich auch näheres über das entsetzliche Schicksal des ehrwürdigen Rabbiners. Er war in der Nacht von S.A.-Leuten ins braune Haus verschleppt worden, wo man ihn mit den Worten „da kommt er ja, der krumme Judenhund, der wird jetzt gleich erschossen“, empfing. Er wurde dann auf den Exerzierplatz Oberwiesenfeld geführt, mit verbundenen Augen an einen Baum gestellt, ein Exekutionspeloton trat an, ein Offizier kommandierte, „legt an, gebt Feuer“. Geschossen wurde aber nicht. Man wollte den würdigen Greis bloss „ein bisschen erschrecken“ und liess ihn dann wieder laufen. Dafür kommt jetzt eine andere Jüdin und erzählt, wie in der Nacht Nationalsozialisten in ihre Wohnung eindrangen. Ihr Mann und ihr Sohn wurden gezwungen, einen Revers folgenden Inhalts zu unterzeichnen: „Ich, der Israelit, J.L., erkenne hiermit an, dass ich ein Landesverräter bin und verpflichte mich, unter Zurücklassung meiner dem deutschen Volk abgestohlenen Kapitalien, das Land binnen 4 Wochen zu verlassen“. Kaum hatten sie im Angesicht der drohend erhobenen Revolver-Läufe unterschrieben, da erklärte ihnen der S.A.-Führer, es habe einmal ein Jude verlangt, man soll Hitler aus Deutschland hinauspeitschen. Diese Aeusserung werde jetzt an ihnen gerächt. Beide wurden völlig entkleidet und mit Drahtpeitschen geschlagen, bis sie bewusstlos zusammenbrachen.

So geht es stundenlang. Eine Schreckensmeldung jagt die andere. Ich kann es schliesslich nicht mehr ertragen und gehe. Aber ich soll keine Ruhe haben. Auf der Strasse ist es noch ärger. Vor meinen Augen, begeifert und bespieen von hysterischen Bestien, treiben S.A.-Leute mit Peitschen am hellen Mittag einen Mann vor sich her. Er trägt weder Schuhe noch Strümpfe, keinen Rock, keine Hose, nur ein Hemd und zerrissene Unterbeinkleider. Um seinen Hals hängt ein Plakat mit der Inschrift „ich der Jude Siegel werde mich nie mehr über Nationalsozialisten beschweren“. Es ist einer der angesehensten Anwälte Münchens, der zu Gunsten eines verhafteten Freundes das Polizeipräsidium aufgesucht hatte, um dort zu intervenieren. Nachdem er zuerst unmenschlich verprügelt worden war, hetzte man ihn in dem geschilderten Zustand durch die Strassen.

Ich weiss seit heute, was ein Pogrom ist.