Dok. 03-001
Der Schriftsteller Walter Tausk notiert am 1. September 1939, wie er in Breslau den Kriegsbeginn erlebt

Keinerlei Zweifel, daß es losgeht. Gestern ist

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Walter Tausk (1890–1941), Vertreter für Möbel und Textilien in Breslau, nach 1933 Gelegenheitsarbeiter; trat 1917 zum Buddhismus über, Mitglied des Bundes für buddhistisches Leben; 1941 nach Kowno (Kaunas) deportiert und dort ermordet.

Gemeint ist: Schicklgruber. Diese Anspielung auf den Geburtsnamen von Hitlers Vater war unter Hitlers Gegnern geläufig, um auf die sowohl kleinbäuerliche als auch uneheliche Herkunft seines Vaters hinzuweisen; Letztere gab zudem zu Vermutungen über jüdische Vorfahren Anlass.

Tagebucheintrag

 

Freitag, den 1.9.1939.

Keinerlei Zweifel, daß es losgeht. Gestern ist u.a. das gesamte jüdische Krankenhaus, bis auf die Gynäkologie, Siechenhaus und Altersheim, Knall und Fall evakuiert worden, um 380 Betten freizumachen; hat man schon in der vergangenen Woche in anderen hiesigen Krankenhäusern rigoros gewirtschaftet, hier machte Gestapo und Militär eine „negative Ausnahme“, d.h.: sie überbot sich in der Unmenschlichkeit; was kein Fieber hatte, wurde nach Hause entlassen, auf die Straße gesetzt oder sonstwie „umgelegt“ (teils privat, teils in leere Zimmer des Gemeindehauses, Wallstraße, schwere und schwerste Fälle kamen auf die Gynäkologie); man evakuierte Frischoperierte (z.B. Blinddärme), die kaum transportfähig waren; man warf alte Leute, über 80, die in ausgebauten Mansarden des Krankenhauses ihre Tage beschließen sollten, mit Sack und Pack raus und brachte sie bei den Siechen mit unter: alles wahllos durcheinandergemengt, hierzu kamen Irre und Halbirre. Und nachmittags ein langer Gewitter-Platzregen, als die Evakuierung mitten im Gange war. Eine Vorstudie, wie es in [den] nächsten Tagen aussehen wird, und was dieser „Schittelhuberkrieg“ der ahnungslosen Menschheit bringen wird.

Meine Auswanderung ist auf Null. Ich habe am 17.8. das wichtigste, das Fahrgeld, nicht ausgezahlt bekommen (siehe Anlage) und bin also wirklich das Opfer meiner „lieben Glaubensgenossen“ (vor denen mich der Himmel weiter bewahren möge) und der eigenen Mittellosigkeit. Mit England ist kein Postverkehr mehr möglich.

Heute morgen von zirka ¾ 5 bis 7 zog es pausenlos über die Stadt gen Osten; Bombenflieger, Jagd- u.a. Flieger. Um ½ 9 erschien die Hausmeisterin mit einem Runderlaß der Polizei: „Alles fertigmachen für plötzliche Verdunkelung und gegen Flieger-Angriffe. Wasser bereitstellen, vor allem Luftschutzkeller instand halten“ usw.

11 Uhr vorm.: von 10 – jetzt hörte man durch die Lautsprecher in unserer Nähe die Redeübertragung von „ihm“ im Reichstag. Seit Jahren nichts Neues: kein Volk und kein Staatsmann ist so unschuldig, so mißverstanden, verraten und verlästert als „er“ und „sein Volk“, kein Volk und Staatsmann so ausschließlich friedliebend usw. Die Stimme: gurgelnd, röchelnd, sich verschluckend, dröhnend, jammernd, betend, Mitleid erregend, dann wieder lostobend, um bald wieder zu ersticken. Und an allem hat der Pole natürlich schuld.

Dann sang man natürlich auch das Horst-Wessel-Lied: „Kameraden, die Rotfront … erschossen, marschier’n im Geist in unseren Reihen mit.“ Dies trotz des Russenpaktes. Schittelhuber legte auch für das „festgezimmerte 1000jährige Reich“ die Dynastiefolge fest, „falls mir etwas zustößt“ (er will nämlich „als einfacher Gefreiter mit hinausziehen“). Nach ihm, dem Gefreiten, käme der Generalfeldmarschall Göring, nach diesem (im Falle einer „Zustoßung“) der ehemalige Heilgehilfe Hess. Das Haus dröhnte, wie üblich, vor Beifall. – Gleichzeitig marschierten die Truppen bereits überall nach Polen ein.