Dok. 12-336
Max Scher schreibt seiner Freundin am 12. März 1945 eine Postkarte in Freiheit

Mein allerliebster Schatz, ich hab Dir am 9. geschrieben, um Dir ein Lebenszeichen

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Max Scher (1913–1986), Schneider; geb. in Warschau, mit den Eltern nach Paris immigriert, wohnte von 1941 an im Alten Hafenviertel von Marseille, wurde dort festgenommen und Ende Mai 1944 von Drancy nach Auschwitz deportiert, Ende Jan. 1945 Flucht aus dem Lager; 1963 stellv. Bürgermeister des 3. Stadtbezirks von Paris, Chevalier de l’Ordre national du Mérite.

Postkarte aus dem polnischen Czestochowa, an Jeannette Boy, Marseille

 

Mein allerliebster Schatz,

ich hab Dir am 9. geschrieben, um Dir ein Lebenszeichen zu geben nach so vielen Monaten Stille. Ich kann Dir meine Freude nicht ausdrücken, Dir diese wenigen Zeilen schreiben zu können, denn seit unserer erzwungenen Trennung habe ich unaufhörlich an Dich gedacht, und meine panische Angst war, Dich ohne Nachricht von mir zu lassen. Aber es war eine Sache der Unmöglichkeit, denn im Konzentrationslager war keinerlei Durchsickern [von Nachrichten] möglich. Wir hatten mit SS-Leuten unerhörter Brutalität und ohne jeglichen Sinn für Menschlichkeit zu tun. Ich muss einer der wenigen sein, der ihren Klauen entkommen ist. Denn seit 5 Wochen bin ich frei und hoffe in kurzer Zeit bei Dir zu sein, um unser Leben wiederaufzunehmen, das uns so glücklich machte und das – da bin ich mir sicher – nach diesen wenigen Monaten der Trennung noch viel schöner sein wird. Ich würde gerne von Dir hören, schreib mir gleich nach Erhalt dieser Karte an die umseitig angegebene Adresse. Gib auch Nachricht von mir an meine Familie weiter, denn ich weiß nicht, an welche Adresse ich ihnen schreiben soll. Beruhige sie über mein Schicksal, denn es fehlt mir nun an nichts. Ausgenommen Du, Frankreich, und meine Familie. Grüße mir Roger und Mireille, Deine Mutter, und alle. Und an Dich: meine liebevollsten und zärtlichsten Küsse.