Dok. 12-297
Der Präfekt des französischen Departements Marne, Louis Péretti della Rocca, meldet am 26. März 1943 dem Generalsekretär der Polizei Bousquet die Fluchtversuche von Juden aus einem Deportationszug

Ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, dass am 25. März gegen

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Louis Péretti della Rocca (*1885), Jurist; 1907–1912 Anwalt, von 1912 an in der franz. Verwaltung, 1930 Präfekt, 1930–1931 Tätigkeit im Kolonial- und im Budgetministerium, 1942 Regionalpräfekt in Châlons-sur-Marne und Präfekt des Dep. Marne, im Nov. 1944 seiner Funktionen enthoben, 1945 in den Ruhestand versetzt.

 

René Bousquet (1909–1993), promovierter Jurist; von 1929 an in der franz. Verwaltung, 1936 Höherer Beamter der franz. Staatspolizei, 1941 Regionalpräfekt in Châlons-sur-Marne, April 1942 bis Dez. 1943 Chef der franz. Polizeibehörde; 1945–1948 Gefängnis in Fresnes, 1949 zu 5-jährigem Verlust der Bürgerrechte verurteilt, die Strafe wurde wegen Beteiligung am Widerstand gegen die Besatzungsmacht aufgehoben; danach im internationalen Bankensektor und in der franz. Presse tätig; 1989 erneut angeklagt, vor Prozessbeginn ermordet.

Ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, dass am 25. März gegen 14.30 Uhr, bei der Einfahrt eines aus Drancy kommenden Güterzugs, in dem Juden an ein unbekanntes Ziel transportiert wurden, im Bahnhof Epernay im Waggon der Militäreskorte Alarm ausgelöst wurde.

Der Zug war vom militärischen Begleitpersonal angehalten worden, nachdem es die Flucht einiger Juden aus einem Waggon bemerkt hatte, dessen Wand aufgesägt worden war. Die Soldaten machten von ihren Waffen Gebrauch und trafen fünf Flüchtige. Vier wurden auf der Stelle wieder eingesammelt und in den Zug verladen, der sofort weiterfuhr, dem fünften gelang trotz Verletzung offenbar die Flucht.

Die Suche nach ihm verlief bisher ergebnislos.

Bei der Ankunft im Bahnhof von Châlons wurden von der Eskorte zwei Leichen buchstäblich auf den Bahnsteig geworfen und blieben dort vor aller Augen liegen, bis die verständigten französischen Behörden, der Bürgermeister und der Polizeikommissar eintrafen und dafür sorgten, dass sie in Särge gelegt wurden.

Die beiden Leichen wurden vorübergehend in der Leichenhalle deponiert, wo der Polizeikommissar versuchte, anhand der bei ihnen aufgefundenen spärlichen Papiere ihre Identität festzustellen.

Festzuhalten ist, dass man bei den Betroffenen keine französischen Ausweisdokumente oder Ausländerkarten gefunden hat. Ich vermute, ihre mögliche Identität ist nur mittels Korrespondenzkarten mit einiger Sicherheit festzustellen.

Die beiden Verletzten wurden, nachdem ihnen ein Verband angelegt worden war, mit Hilfe ihrer Glaubensbrüder in einen anderen Waggon verlegt, ebenso die übrigen Insassen des aufgesägten Waggons.

Der Zwischenfall hat unter den Augenzeugen, insbesondere auf dem Bahnhof von Châlons, große Unruhe ausgelöst.

Ich werde Sie über die Ermittlungen des Polizeikommissars von Châlons hinsichtlich der Identifizierung der beiden Opfer auf dem Laufenden halten.

Der Präfekt