Dok. 12-292
Der Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Frankreich, Helmut Knochen, beklagt sich am 12. Februar 1943 beim Reichssicherheitshauptamt, dass Franzosen und Italiener die Deportation französischer Juden behindern

Betr: Endlösung der Judenfrage in

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Dr. Helmut Knochen (1910–2003), Anglist; 1932 NSDAP-, 1936 SS-Eintritt, 1932–1936 SA; von 1936 an hauptamtl. Mitarbeiter des SD, 1940–1942 Leiter der Pariser Dienststelle des Beauftragten des CdS (Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes) für Belgien und Frankreich, Mai 1942 bis Aug. 1944 BdS (Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes) in Frankreich, 1944 Waffen-SS; 1945 verhaftet, 1954 in Paris zum Tode verurteilt, begnadigt und 1962 entlassen, danach Versicherungsmakler in Offenbach.

 

Heinrich Müller (1900–1945?), Flugzeugmonteur; von 1919 an in der Polizeidirektion München, von 1929 an bei der Politischen Polizei (Kommunistenbekämpfung); 1934 SS- und SD-, 1938 NSDAP Eintritt; 1934 Versetzung zum Gestapa (Geheimen Staatspolizeiamt) Berlin, von 1939 an Geschäftsführer der Reichszentrale für jüdische Auswanderung und Leiter des Amts IV im RSHA (Reichssicherheitshauptamt), 1942 Teilnahme an der Wannsee-Konferenz; seit 1945 verschollen.

 

Adolf Eichmann (1906–1962), Vertreter; 1932 NSDAP- und SS-Eintritt, 1934–1938 im SD-Hauptamt in Berlin tätig, von Sommer 1938 an leitende Funktion in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung Wien und 1939 in der Zentralstelle in Prag, von 1939 an im RSHA (Reichssicherheitshauptamt) Organisation der Deportationen der Juden aus dem Reichsgebiet, mindestens von März 1941 an Leiter des RSHA-Referats IV B 4 (Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten); 1945–1946 Inhaftierung, 1946 Flucht, 1950–1960 in Argentinien untergetaucht, 1960 vom israel. Geheimdienst entführt und in Israel 1962 nach Prozess hingerichtet.

 

Philippe Pétain (1856–1951), Berufsoffizier, Politiker; erlangte 1916 als Kommandeur und „Sieger“ in der Schlacht von Verdun große Bekanntheit in Frankreich, 1918 Marschall, 1934 Kriegsminister, 1939 Botschafter in Madrid, im Mai 1940 letzter Regierungschef der Dritten Republik, von Juli 1940 an franz. Staatschef, Juli 1940 bis April 1942 Ministerratspräsident; Aug. 1944 bis April 1945 Exil in Sigmaringen; im Sommer 1945 zum Tode verurteilt, Umwandlung der Strafe in lebenslange Haft.

 

Louis Darquier de Pellepoix (1897–1980), kaufmänn. Angestellter; 1934 Teilnahme am Februar-Aufstand der rechtsradikalen Ligen in Paris, 1935–1942 Mitglied des Stadtrats von Paris, 1937 Gründer eines antisemitischen Vereins, 1940 in deutscher Kriegsgefangenschaft, Mai 1942 bis Febr. 1944 franz. Generalkommissar für Judenfragen; 1945 nach Spanien geflüchtet, 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

 

Pierre Laval (1883–1945), Jurist, Politiker; seit 1914 sozialistischer Abgeordneter,
1923–1944 Bürgermeister in Aubervilliers, Eigentümer mehrerer Zeitungen, 1931–1932 und 1935 Ministerratspräsident, spielte im Juli 1940 die führende Rolle bei der Übertragung der Vollmachten an Marschall Pétain, bis Dez. 1940 stellv. Ministerratspräsident, April 1942 bis Aug. 1944 Regierungschef; 1944–1945 Exil in Sigmaringen, 1945 Flucht nach Spanien, Auslieferung an Frankreich, im Okt. 1945 nach Todesurteil hingerichtet.

An SS-Gruppenführer Heinrich Müller, Amt IV RSHA [Reichssicherheitshauptamt], Berlin

 

Betr: Endlösung der Judenfrage in Frankreich.

Vorg.: Rücksprache mit SS-Obersturmbannführer Eichmann in Paris.

Die Mitteilung von SS-Obersturmbannführer Eichmann über die Evakuierung aller Juden französischer Staatsangehörigkeit veranlaßt mich, zu dieser Frage kurz Stellung zu nehmen und in einer Darstellung der augenblicklichen Lage auf die Punkte hinzuweisen, die für eine Durchführung notwendig sind, um möglichst wenig Schwierigkeiten durch die französische Regierung zu haben.

1.) Wie in den verschiedenen Berichten mitgeteilt wurde, hat sich die französische Regierung auf deutschen Druck hin bereiterklärt, die Juden nicht-französischer Staatsangehörigkeit einschließlich der staatenlosen Juden festnehmen zu lassen und auch von der französischen Polizei an die Deutsche Polizei zum Abtransport ins Reich abzugeben.

2.) Die französische Regierung, d.h. vor allem Marschall Pétain, widersetzt sich aber jedem Versuch, die Maßnahmen gegen Juden auch auf Juden französischer Staatsangehörigkeit zu erweitern. Es wurde abgelehnt, die Einführung des Judensternes durch die französische Regierung zu erlassen. Der Judenstern ist im altbesetzten Gebiet durch deutsche Verordnungen eingeführt worden. Im neubesetzten Gebiet wurde er bisher noch nicht eingeführt, da sich nach wie vor die französische Regierung weigert, für dieses Gebiet dieselben Anordnungen zu übernehmen, wie sie von der deutschen Militärverwaltung im altbesetzten Gebiet angewendet wurden. Im neubesetzten Gebiet ist die französische Regierung bisher noch souverän.

3.) Alle Versuche, den Standpunkt der französischen Regierung zu ändern, scheiterten. Auch die Versuche des Judenkommissars Darquier de Pellepoix waren ohne Ergebnis. Wenn Präsident Laval auch angibt, er persönlich wäre bereit, die Maßnahmen gegen alle Juden anzuwenden, so ist diese Äußerung nicht ernst zu nehmen, da er sich im entscheidenden Moment immer mit der Feststellung herausredet, daß

a) die Italiener noch nicht einmal Einschränkungen gegen Juden zulassen, sondern im Gegenteil in dem von den Italienern besetzten Gebiet den Schutz der Juden aller Staatsangehörigkeiten übernehmen und der französischen Regierung verbieten, Maßnahmen selbst gegen Juden französischer Staatsangehörigkeit zu erlassen.

b) Marschall Pétain werde sich schärfstens dagegen erklären, daß Juden französischer Staatsangehörigkeit konzentriert oder abtransportiert werden. Pétain werde sogar mit seinem Rücktritt drohen.

4.) Die Einstellung des Marschalles Pétain wird offenbar, wenn man betrachtet, daß die französische Polizei – der französische Polizeichef Bousquet persönlich – alles tut, um zu verhindern, daß Juden französischer Staatsangehörigkeit abtransportiert werden. Als Beispiel wird folgendes angeführt:

Aus dem Judenlager sollten Juden französischer Staatsangehörigkeit abtransportiert werden, die wegen Nicht-Tragens des Judensternes oder anderer Verfehlungen festgenommen waren. Bousquet ließ erklären, man könne diese Juden abtransportieren, doch würde die französische Polizei zur Durchführung nicht bereit stehen. Auf die hiesige Antwort, dann würde der Abtransport durch deutsche Kräfte durchgeführt, wurde von Seiten der französischen Polizei dadurch geantwortet, daß man eine Razzia machte und sofort 1300 Juden nicht-französischer Staatsangehörigkeit festnahm. Diese Juden wurden der deutschen Polizei übergeben, mit dem Hinweis, diese an Stelle der Juden französischer Staatsangehörigkeit abzutransportieren. Es ist klar, daß beide Kategorien von Juden in diesem Falle abtransportiert werden.

5.) Wenn jetzt im Großen Maßnahmen gegen alle Juden französischer Staatsangehörigkeit erlassen werden, so ist mit Rückschlägen in politischer Hinsicht zu rechnen. Sowie aufgrund der gesamten militärischen Lage auch in anderen Gebieten die Auffassung besteht, Deutschland werde den Krieg verlieren, so ganz besonders in Frankreich, wo man von den Amerikanern erwartet, daß man durch sie Nordafrika zurückerhält und andererseits auch ein starkes Frankreich garantiert bekommt. In Frankreich wird aufgrund dieser jetzt besonders stark „abwartenden Haltung“ versucht werden, keine weiteren Maßnahmen gegen Juden zuzulassen, um den Amerikanern gegenüber zu zeigen, daß man den Weisungen der deutschen Regierung nicht Folge leisten will.

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